Books

Nele Neuhaus – Schneewittchen muss sterben

„Im Zweifel gegen den Angeklagten.
An einem düsteren Novembertag finden Bauarbeiter auf dem stillgelegten Flugplatz der US-Armee in Eschborn ein menschliches Skelett, nur wenig später wird eine Frau von einer Brücke auf die Straße gestoßen. Die Ermittlungen führen Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein in die Vergangenheit: Vor vielen Jahren verschwanden in dem kleinen Taunusort Altenhain zwei Mädchen. Ein Indizienprozess brachte den mutmaßlichen Täter hinter Gitter. Nun ist er in seinen Heimatort zurückgekehrt. Als erneut ein Mädchen vermisst wird, beginnt im Dorf eine Hexenjagd…“

Nele Neuhaus - Schneewittchen muss sterben

   Titel: Schneewittchen muss sterben
   Autor: Nele Neuhaus
   Format: Taschenbuch
   Seiten: 544
   Herausgeber: List Taschenbuch
   Erschienen am: 09. Juni 2010
   ISBN-13: 9783548609829
   Preis: € 9,95 [D], € 10,30 [A], sFr 13,90

   Teil einer Reihe? 4. Fall von Kirchhoff und Bodenstein

Entgegen der eigentlichen Lesegewohnheit sollte es also nun ein Krimi sein. Einschlägig bekannt durch diverse Bestsellerlisten und aufgrund des persönlichen Bezugs zum vorurteilsbehafteten Dorfidyll mit dunklen Schattenseiten („Ich bin aus’m Westerwald…“), erschien mir „Schneewittchen muss sterben“ als durchaus reizvoll.
Krimis sind mir von Natur aus eigentlich zu anstrengend. Am Anfang steht ein Verbrechen, als nächtest steht die Frage nach dem Täter im Raum und der Leser sieht sich in der Rolle des heimlichen Ermittlers, stets auf der Suche nach Hinweisen auf das, was denn hätte passiert sein können, und bemüht, stilistischen Irreführungen und Finten des Autors zu enttarnen.
Da es mir ein wenig an diesem Talent mangelt, stellt sich meist ein gewisser Frust darüber ein, dass man auf die falsche Fährte gelockt wurde. Dies hielt sich beim Lesen des Romans deutlich in Grenzen und ich hatte relativ schnell eine gewisse Vermutung, die sich am Ende größtenteils auch bewahrheitet hat. Daher kreide ich vermeintlich fehlende Überraschungen und Wendungen im Gegensatz zu den meisten Kritikern auch nicht an, sondern sehe sie eher positiv. Wer sich von Spannungsbogen und Auflösung jedoch einen spektakulären „Aha-Effekt“ erhofft, wird mit „Schneewittchen muss sterben“ wohl tendenziell eher nicht auf seine Kosten kommen.

Dass die Charakterfülle zu groß sei und man schon nach kurzer Zeit den Überblick verliere, kann ich nicht bestätigen. Dorfkindvermächtnis 😉 Durch eben jenen Dorfkindstatus empfand ich die Hintergrundgeschichten auch als interessant und unterhaltsam und die Figuren selbst als stets glaubhaft.
Man muss sich damit abfinden, dass sie stereotypisch und vorurteilsbelastet sind – und das auch sein sollen. Altenhain wird als geschlossener Kosmos mit eigenen Regeln beschrieben – so wie „das Dorf“ gemeinhin romantisiert gesehen wird. Kaum eine der Figuren versucht dem nicht zu entfliehen und keiner gelingt es – zumindest nicht ohne Schaden zu nehmen. Der Dorfdepp (korrekterweise ausgedrückt: der Junge mit der geistigen Behinderung) ist zwar ein wenig zu viel des Guten, hat aber dennoch seine Daseinsberechtigung, um die Kleinkariertheit und Feindlichkeiten Fremdem, Andersartigem und Abnormalem gegenüber zu unterstreichen. Natürlich sind Altenhain und seine Bewohner überzeichnet, trotzdem ist die Realität im Kern getroffen, wie ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann.

Der Nebenplot um die privaten Probleme der Ermittler fügte sich relativ schlüssig in die Haupthandlung ein. An der ein oder anderen Stelle hätte man sicherlich sparen können, aber hier soll wohl Romanübergreifend ein detaillierteres Bild des Ermittlerduos gezeichnet werden. Da ich keinen der vorherigen Romane um Bodenstein und Kirchhoff gelesen habe, kann ich schlecht beurteilen, ob es Anspielungen auf Vorangegangenes gab oder offene Fragen geklärt wurden. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass man die Vorgänger-Romane nicht gelesen haben musste, um Haupt- oder Nebenhandlung folgen zu können.

Was das Ende des Romans betrifft, muss ich mich den Kritikern teils anschließen. Zwar finde ich gerade die Fülle an menschlichen Abgründen, die im Laufe des Romans hinter der friedlichen Dorffassade zu Tage treten, spannend – eben genauso überzeichnet wie Altenhain selbst. Da werden Leichen versteckt, Gartenhäuschen angezündet, die Bank betrogen, Testamente gefälscht und unterschlagen, Jugendliche entführt und eingesperrt. Was ein vermeintlich kleines Ereignis – die Rückkehr einer einzelnen Person – alles in Rollen bringen kann…
Allerdings erhoffte man sich, dass die Rückkehr des Mörders mehr im Fokus stehen würde, dass die Bewohner ihre Handlungen noch mehr auf das Vertreiben des Störenfrieds ausrichten, statt nur zu versuchen, die Folgen möglichst gering zu halten.
Während die im Klappentext angekündigte Hexenjagd eher heiße Luft ist (Häuserwände beschmieren und den vermeintlichen Mädchenmörder verprügeln – ist zwar nicht nett, hat man aber schon wesentlich brutaler gelesen), wird der zu Unrecht Beschuldigte von der gehörnten Verehrerin im Gebirgsschnee ausgesetzt, kommt es zu einer vollkommen unverständlichen Messerstecherei mit tränenreichem Todesfall im Krankenhaus. Das unterschlagene Testament, das für zweifelhafte, ausgleichende Gerechtigkeit sorgen soll, wäre in seiner Folge noch zu ertragen gewesen – im Gegensatz zur Verfolgungsjagd durch die Frankfurter Innenstadt bis hin zum Flughafen. Während der RushHour. Mit abschließendem Schusswechsel. Alles in allem ein wenig zu dick aufgetragen.

Dennoch muss ich zugeben, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte und es nahezu an jeden erdenklichen Ort mitnahm, um weiterlesen zu können. Am Ende überwiegen die Begeisterung für den lokalen Aspekt und der persönliche Bezug zum Dorfleben den fragwürdigen Endspurt des Romans ein wenig. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, wird dies nicht der letzte Roman des Ermittlerduos sein, den ich lese.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s