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Kelly Creagh – Nevermore

„Isobel, ich wusste nicht, wie ich dich sonst erreichen sollte. Nach heute Abend wird das alles vorbei sein. Ich wollte dich nicht in das hier mit reinziehen – niemals. Bitte glaub mir das. Irgendwie habe ich die Kontrolle über alles verloren. Das Einzige, was ich mir wünsche, ist, dich wiederzusehen. Ich wünschte ich könnte dir alles erzählen. Vor allem wünsche ich, dass wir die Möglichkeit hätten, noch mal von vorn anzufangen. Was auch immer jetzt passiert, bitte glaub mir, ich wollte nicht, dass es so endet. Für immer dein V.“

   Titel: Nevermore
   Autor: Kelly Creagh
   Format/Seiten: Taschenbuch; 560 Seiten
   Herausgeber: Loewe Verlag
   Erschienen: Januar 2012
   ISBN: 978-3-7855-7389-1
   Preis: € 14,95 [DE] € 15,40 [A]

   Teil einer Reihe?  Nevermore (I), Enshadowed (II/ENG), ??? (III)

 

Inhalt
Isobel ist hübsch und beliebt und erfüllt zusammen mit ihrer Clique und dem Quarterback als festen Freund scheinbar das Stereotypenbild des amerikanischen Cheerleaders. Als sie für ein Schulprojekt dem Außenseiter Varen zugelost wird, stößt dies bei ihr zunächst auf wenig Gegenliebe, Isobel versucht sich jedoch mit der Situation zu arrangieren. Im Gegensatz zu Varen, der ein Geheimnis zu hüten scheint. Nicht lang und auch Isobel gerät in den Sog diese Geheimnisses. Ein mysteriöser Fremder erscheint ihr, warnt sie vor den Gefahren, die Varen aus seiner selbst geschaffenen Traumwelt heraufbeschwört, und folgt Isobel sogar bis in ihre Träume hinein. Unerklärliche Dinge geschehen, alptraumhafte Wesen finden den Weg in die Realität und terrorisieren Isobel und die Menschen, die ihr nahe stehen. Während Varen sich weiterhin in Schweigen hüllt und die Clique ihr den Rücken zukehrt, bleibt Isobel nur noch die Unterstützung einer neuen Freundin, um das Geheimnis zu lüften und größeren Schaden abzuwenden…

Rezension
Aus eigenem Antrieb hätte dieses Buch nie mein Interesse geweckt. Da es aber im Zuge der Buchmesse von einer Freundin erworben wurde, habe ich einmal einen Blick riskiert – und bin hängen geblieben. Nachdem der Klappentext wenig Aussagekraft hatte (dazu aber am Ende mehr), habe ich ein wenig recherchiert und herausgefunden, dass es im Romantext Verbindungen zu den Werken Edgar Allan Poes geben soll. Da ich mich im Zuge von „The Raven“ (der es leider nicht in die deutschen Kinos, sondern nur auf DVD geschafft hat – eine Schande!) ein wenig mit Poe beschäftigt habe, fand ich die Idee des Buches interessant.
Im Nachhinein hat sich zwar herausgestellt, dass man nicht so viel Hintergrundwissen braucht, um der Handlung zu folgen, allerdings kann der ein oder andere Wikipedia-Artikel im Voraus nicht schaden, denn einige Szenen und auch der Buchtitel lassen sich nur richtig verstehen, wenn man beispielsweise das Gedicht „The Raven“ kennt oder über die mysteriösen Umstände von Poes Tod Bescheid weiß. Da Poes Werke in Amerika zur Pflichtlektüre gehören, hat Creagh sie wohl als bekannt vorausgesetzt.

Ein Problem während des Lesens war, dass ich mich nicht so recht entscheiden konnte, was das Buch denn nun sein sollte. Ich hatte erwartet, dass der Fantasy-Aspekt statt des Highschool-Lebens ein wenig mehr im Vordergrund steht. Cheerleader-Training schön und gut, aber die Bedeutung für die Handlung…? Beweihräucherung des weiblichen Hauptcharakters, um deutlich zu machen, dass sie nicht wie die anderen Cheerleader ist?
Isobel ist zweifelsohne nicht die Highschool-Diva, die den Quarterback abschleppt. Sie hat sich im Gegenteil als normales, sympathisches Mädchen herausgestellt, das ein recht konservatives Elternhaus besitzt und sozial in ihrer Gruppe gefestigt ist. Das einzige, was man ihr ankreiden kann, ist, dass sie sich scheinbar nie zuvor Gedanken darüber gemacht, in welchem sozialen Konstrukt sie sich befindet und welches Bild andere Schüler von ihr haben. Dass ihre Freunde vielleicht arrogante, intrigante Schnepfen sind oder ihr Freund zu den Sportlern zählt, die andere kopfüber in die Mülltonne stopfen. Das macht Isobel als Charakter schon ein Stück weit oberflächlich, aber irgendwo muss man als Autor mit der Entwicklung seines Charakters ja ansetzen. Unter dem Zwang, sich mit jemandem wie Varen auseinanderzusetzen, kommt Isobel schließlich ins Nachdenken, entwickelt Sympathien und all dies reicht aus, dass ihr Varen am Ende so wichtig wird, dass sie sogar ihr Leben für ihn aufs Spiel setzt. Und da kommt auch wieder die Liebe ins Spiel. Warum sich Isobel direkt in Varen verlieben muss, darüber kann man streiten. Freundschaften tun es meiner Meinung manchmal auch. Da Isobel aber scheinbar als Antagonistin für die böse Macht aus der Traumwelt herhalten soll, die damals in Gestalt einer weißen Frau schon Poe becirct hat, reicht Freundschaft als Gefühl vielleicht nicht aus. Nun ja, das weibliche Klientel will bedient werden.
Doch zurück zum Punkt. Ich kann durchaus verstehen, dass das Leben einer 17-jährigen nun einmal zum größten Teil aus Schule besteht und dass man aus diesem Grund einiges vom Highschool-Leben erzählt, um den Charakter plastisch zu machen. Wie der Gang durch die Mensa zum Spießrutenlauf werden kann, wie man beim Cheerleading die Rivalin demütigt, wie alles auf dem Kopf steht, wenn das Spiel der beliebten Footballer gegen den Erzfeind ansteht. Ich habe allerdings auch keine neue Facette an diesem Thema entdecken können, man meint alles irgendwie schon einmal gelesen oder gesehen zu haben. Vielleicht fehlt mir als Europäer auch einfach der Zugang zu diesen „amerikanischen Verhältnissen“.
Ich hätte mir stattdessen einige Erklärungen gewünscht, zum Beispiel wieso Varen sich diese Traumwelt geschaffen hat bzw. warum gerade er hineingeraten ist, denn sie scheint laut Romantext ja schon zu Lebzeiten Poes existiert zu haben. Es gibt zwar Andeutungen über Varens Konflikte mit seinen Eltern, speziell seinem Vater. Ob diese aber erst begonnen haben, nachdem der Sohn sich zurückgezogen hatte oder ob sie der Auslöser für den Rückzug waren, erfährt man leider nicht.
Von der Traumwelt selbst erfährt man dafür, dass sie eigentlich eine so große Rolle spielt, auch relativ wenig. Dies ist allerdings auch der Erzählperspektive geschuldet. Der Roman ist zwar in der 3. Person geschrieben, jedoch werden die Ereignisse aus Isobels Sicht beschrieben und sie weiß nun einmal sehr wenig über Varens Traumwelt. Hier hätte der ein oder andere Perspektivwechsel zum männlichen Protagonisten sicherlich gut getan.
Auch die Nebenfiguren geraten im Allgemeinen leider etwas blass. Isobels Eltern hingegen gebaren sich manchmal gar grotesk. Einziger Lichtblick ist Gwen, Isobels Spintnachbarin, mit der sie sich näher anfreundet, als die Sportlerclique dem Cheerleader den Rücken kehrt. Ein wenig Nerd, ein wenig gute Seele, ist sie für den Wortwitz zuständig – und dafür Isobel ab und zu wieder auf den richtigen Weg zurück zu schubsen.

Nachdem ich das erste Drittel eigentlich recht vielversprechend fand, hatte das zweite Drittel einen kleinen Durchhänger. Auf das Ende steuerte die Handlung dann jedoch wieder spannend und mitreißend zu. Das Ende selbst hat mich zunächst vollkommen verirrt. Die vermeintliche Auflösung der Frage „Schafft es Isobel Varen aus den Fängen der Traumwelt zu befreien?“ war für mich gänzlich unbefriedigend, ich war enttäuscht und hab mich gefragt, wofür ich denn das Buch überhaupt gelesen habe. Dann habe ich herausgefunden, dass das ganze nur der erste Band einer Serie mit voraussichtlich drei Teilen war, und plötzlich ergab alles auch einen Sinn. Zu meiner Verteidigung muss man sagen, dass dies auch aus dem Buch selbst nicht ersichtlich war.

Der zweite Teil „Enshadowed“ ist im August zwar auf Englisch veröffentlicht worden, aber ich werde die Nevermore-Reihe wohl trotzdem nicht weiterlesen. Zum einen hat mir der erste Band schon zu viele Kritikpunkte, zum anderen weiß ich nicht, ob ich auch noch ein drittes Buch durchhalte, zumal „Enshadowed“ auch mit einem Cliffhanger enden soll.

Nevermore war stellenweise zwar durchaus unterhaltsam und spannend, besonders das Einbringen von Poes Werken fand ich gelungen und die Idee seine Werke als Aufhänger für eine Parallelwelt zu nehmen hatte etwas Erfrischendes. Allerdings wird die wohl kaum ausreichen, mich für die nächsten Bände zu begeistern, da ich mit den Protagonisten nicht warm werde, weil sie sich manchmal schlichtweg dümmlich und infantil verhalten. Am Beispiel des deutschen Klappentextes verdeutlicht: Varen schreibt Isobel einen Brief, um sie vor der drohenden Gefahr aus der Traumwelt zu warnen. Er beginnt mit den Worten „Ich wusste nicht, wie ich dich sonst erreichen sollte“. Ich meine…bitte. Junge, du lebst im 21. Jahrhundert, wie wäre es via Telefon? Handy, E-Mail, Facebook, schon mal was davon gehört? Aber bei jemanden, der noch einen CD-Spieler benutzt, vielleicht nicht ganz so verwunderlich.

Abschließend möchte ich gerne noch ein paar Takte zu Cover, Klappentext und Altersempfehlung der deutschen Ausgabe sagen. Das Cover sieht aus, als würde Tim Burton‘s Version der Grinsekatze auf Dornröschens Dornenhexe treffen und mit der Schriftart des Buchtitels Kindergeburtstag feiern. Auf mich wirkte es eher albern und ich dachte „Kinder-Gruselbuch“, als ich es zum ersten Mal in der Hand hielt. Das englische Cover ist besser gelungen, auch wenn es dem Leser ein konkretes Aussehen der Protagonisten vorgibt und das Lila des Titels jedem Photoshopler die Tränen in die Augen treibt. Es wirkt jedoch atmosphärischer als das deutsche Pendant, man geht mit einer anderen Grundstimmung an den eigentlichen Text heran.

Der Klappentext auf der Rückseite ist kein Teaser zum Inhalt des Buches, sondern ein Auszug aus dem Roman, der sehr unglücklich gewählt ist. Er verrät zweifelsohne, dass irgendetwas Katastrophales passiert. Dies ist normalerweise auch eine gute Strategie, um Neugierde zu wecken, allerdings verfehlt dies seine Wirkung total, wenn das Buch vorher nicht verrät, wovon es überhaupt handelt. Das Ganze wird dann gekrönt von der Liebesbekundung „Für immer dein V.“, die mir einfach nur eine Gänsehaut des Grauens über den Rücken gejagt hat. Nimmt man den Klappentext für sich, könnte sich unter dem Buchdeckel genauso gut eine billige Dreigroschenromanze befinden.
Wie soll man als jemand, der noch nichts über das Buch weiß, dass er in den Händen hält, an dieser Stelle einen blassen Schimmer davon haben, worum es geht? Besonders weil Cover und Klappentext eine widersprüchliche Sprache sprechen. Ich erwarte von einem Klappentext, dass er mir Informationen liefert und mich nicht dazu zwingt nach weitere Klappentexten oder Hinweisen auf den Inhalt zu suchen. Es kommt mir so vor, als hätte man Angst, den Leser nicht ins Buch „hinein locken“ zu können, wenn man eine Aussicht auf den Inhalt schon außen drauf druckt.
Mich stößt dieses „Anfixen“ durch Textauszüge aber eher ab, als dass es mich dazu bringt das Buch tatsächlich aufzuschlagen. Hätte ich im Laden gestanden, wäre das Buch zurück ins Regal gewandert.
Der deutsche Klappentext ist allerdings noch aus einem anderen Grund unglücklich gewählt, was man allerdings erst erkennt, wenn man den eigentlichen Text liest. Die Entwicklung des männlichen Hauptcharakters wird völlig vorweg genommen. Er erscheint zunächst als zurückgezogen und kontrolliert. Niemand, der seine Gefühle teilt, schon gar nicht mit dem vermeintlich oberflächlichen Cheerleader. Dass er sich dann auch noch zu einer Aussage wie „Für immer dein V.“ hinreißen lassen soll, wirkt vollends absurd. Zudem wir der Eindruck erweckt, dass die Story aus Varrens Sicht geschildert wird und nicht aus Isobels, was sich beim Lesen dann als falsch herausstellt. Wie beim Cover gewinnt der englische Klappentext. Solide Inhaltsangabe, die Lust auf den Inhalt macht, ohne zu viel zu verraten.

Auf der englischen Ausgabe ist die Altersempfehlung ab 14 Jahren zu finden, womit ich mich anfreunden kann. Loewe gibt als Empfehlung 12 Jahre an, was ich in Anbetracht einiger Szenen eigentlich ein wenig zu jung finde. Grenzwertig ist schon die Beschreibung des herausquellenden Inneren einer Taube, die bei einer Fluchtszene vor den Alptraumgestalten aus Varrens Welt auf der Frontscheibe des Autos landet. Aber besonders das Finale ist nichts für schwache Nerven. Nicht nur, dass sich einer unserer Charaktere lebendig begraben in einem Sarg wiederfindet, sondern auch die blutrünstige Darstellung des Roten Todes (Figur aus Poes Kurzgeschichte „Die Maske des Roten Todes“), der entfesselt und auf die Realität losgelassen wird, haben es durchaus in sich. Die Schreibweise trifft zwar über den gesamten Text die richtige Mischung aus detailierten Beschreibungen, die für Stimmung und Szenerie nötig sind, und flüssiger Erzählweise, ohne sich in zu vielen Einzelheiten zu verlieren. Da sie alles in allem doch eher dem jugendlichen Publikum angepasst ist, entsteht durch die oben genannten „Gewaltdarstellungen“ jedoch ein bisschen Reibungsfläche. Ein Widerspruch, der mir nicht gefallen hat.

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