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Kai Meyer – Die Sturmkönige: Dschinnland

„Die Sturmkönige reiten auf himmelhohen Tornados – wie Tarik auf seinem fliegenden Teppich.
Am Tag seiner Geburt trug sein Vater ihn auf einem fliegenden Teppich hinauf in den Himmel – Tarik al-Jamal der beste Schmuggler auf den Himmelsrouten des Orients. Keiner reitet einen Teppich wie er – bis er draußen im Dschinnland, den tödlichen Wüsten zwischen Samarkand und Bagdad, seine große Liebe Maryam verliert. Gebrochen und einsam verdingt sich Tarik bei illegalen Teppichrennen. Doch dann will sein jüngerer Bruder Junis die mysteriöse Sabatea durchs Dschinnland nach Bagdad bringen. Tarik fürchtet um ihr Leben – und stellt sich einmal mehr den Geistern seiner Vergangenheit. Eine mörderische Jagd durch die Wüste beginnt, eine Odyssee auf fliegenden Teppichen, mitten in den Krieg zwischen Dschinnen und Sturmkönigen…“

   Titel: Die Sturmkönige: Dschinnland
   Autor: Kai Meyer
   Format/Seiten: Hardcover, 428 Seiten
   Herausgeber: Bastei Lübbe
   Erschienen: 02. September 2008
   ISBN: 978-3-7857-2336-4
   Preis: € 18,00 [DE] € 18,50 [A] SFR 25,90 [CH]

   Teil einer Reihe?  Die Sturmkönige
    Dschinnland (I), Wunschkrieg (II), Glutsand (III)

Rezension

Endlich ein Buch mit männlichem Hauptcharakter!, möchte man ausrufen. Denn auch wenn die Cover der neu erschienenen Ausgaben die geheimnisvolle Sabatea zeigen, geht es doch hauptsächlich um den jungen Mann Tarik.
Erzählt wird in der dritten Person, mal aus der Sicht von Tarik, vereinzelt auch aus der Sicht von Sabatea, tendenziell jedoch eher auktorial statt personal. Erster Pluspunkt für den Romantext, scheint doch der Trend in den letzten Jahren eher zur Ich-Perspektive und personalem Erzählstil zu gehen.

Eine Handlung an einen Ort, wie eine Wüste zu verlegen, hat mich als Leser wirklich neugierig gemacht, kommt einem die Wüste erst einmal wenig spannend vor. Tatsächlich spielen sich mehr als 2/3 des Buches in der Ödnis ab und ich hatte dabei trotzdem nie das Gefühl von Langeweile. Meyer füllt diesen lebensfeindlichen Raum mit allerlei Kreaturen, die noch lebensfeindlicher sind. Quallenartige Masse, die von menschlichen Erinnerungen angelockt werden, sich von diesen ernähren und den Menschen damit der Erinnerung berauben. Geisterbilder und Erscheinungen, fleischfressende Monster, die in finsteren Höhlen hausen.
Und nicht zuletzt die Dschinne selbst. Sie sind nicht die gutmütigen Wunscherfüller, sondern durch Magie verdorbene, blutrünstige und menschenhassende Dämonen. Zwar gibt es auch die so genannten Wunschdschinns (Ifrit); jene eher gutmütigen und den Menschen zugetanen Wesen werden jedoch von ihren eigenen Artgenossen unterdrückt.
Als besonders speziell werden die Anführer der Dschinne beschrieben, aus denen der so genannte Narbennarr heraussticht. Ein Wesen, das sich einen Körper aus verschiedenen Teilen seiner Opfer zusammengeschneidert hat. Das klingt genauso verstörend, wie es im Buch tatsächlich beschrieben wird.

An dieser Stelle wird auch klar, dass Kai Meyer nicht zu zimperlichen Sorte Autor gehört. Bei den Kämpfen im Buch geht es schonungslos zur Sache, die Dschinne spielen ihren menschlichen Gefangenen sehr übel mit, die drei Reisenden werden nach ihrer Gefangenahme durch den Narbennarr auch nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst und selbst die Sturmkönige, die zum Finale des ersten Bandes zum Angriff auf die Dschinne blasen und damit eigentlich „die Guten“ sind, verhalten sich relativ rücksichtslos und kümmern sich wenig darum, welche Verluste sie unter den Gefangenen anrichten, wen sie retten und wen sie als Kollateralschaden leider opfern müssen.

Ohnehin scheint es bei den Charakteren keine klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse zu geben. Jeder Charakter trägt etwas Dunkles in sich, ein Geheimnis, egoistische Absichten, verborgene Pläne.
Junis will sich beweisen, dass er aus dem übermächtigen Schatten seines Bruders hervortreten kann. Er hat Tarik noch immer nicht verziehen, dass er Maryam auf dem Gewissen hat, für die auch Junis etwas empfand. Diese einstige Rivalität überträgt sich auch auf das Gewinnen von Sabateas Gunst, die diesen Umstand für ihre eigenen Pläne auszunutzen weiß. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie um welchen Preis auch immer nach Bagdad gelangen muss und ihre Begleiter zur Not zurücklässt, falls sie ihr nicht mehr nützen.
Als Tarik Sabatea zum ersten Mal begegnet, wird sie gerade von finsteren Gestalten bedrängt. Als sie ihn um Hilfe bittet, wiegelt er ab, ihm ist der Gewinn aus dem Teppichrennen wichtiger, als das Schicksal der jungen Frau – und auch als das Schicksal seines Bruders, der als sein Konkurrent um den Sieg auftritt. Letztlich folgt Tarik den beiden eher aus übersteigerter Arroganz in die Wüste, statt aus Pflichtbewusstsein. Er glaubt herablassend, dass sie es allein nicht schaffen. Als er sich am Ende für seinen Bruder oder Sabatea entscheiden muss, wendet er sich von seinem Bruder ab und wählt stattdessen die Vollendung des Auftrags.
Gerade diese Schwächen machen die Charaktere so lebensnah und authentisch – ja fast sympathisch. Sie haben Ecken und Kanten und sind keine glattgeschliffenen Gutmenschen. Außerdem ist so kaum vorherzusehen, wie sie sich in zukünftigen Konfliktsituationen verhalten. Und gerade das macht das Weiterlesen doch so spannend.
Neben den vermeintlichen Grausamkeiten gib es jedoch auch eine Szene, die mein Herz sehr erwärmt hat und die bestimmt noch einmal eine größere Bedeutung in der weiteren Handlung haben wird. Sabatea trifft auf einen Ifrit, einen von den „guten“ Dschinns, und befreit ihn von einem Leiden. Daraufhin erklär er ihr, dass etwas oder jemand ihn seiner Wunschkraft beraubt hat.
Nicht nur, dass hier eine andere Seite der Dschinns gezeigt wird, dass sie einst vielleicht alle einmal so gutmütig waren und nur durch Magie zu Dämonen geworden sind. Auch Sabatea hat die Möglichkeit mal ihre nette Seite zu zeigen.

Kai Meyer gelingt es wie schon in der Merle-Triologie (Die fließende Königin, Das steinerne Licht, Das gläserne Wort) den Leser in Welt zu entführen, die zwar fantastische Elemente besitzt, dem Leser jedoch vollkommen selbstverständlich und realitätsnah vorkommt. Fliegende Teppiche – ja klar. Pferde aus Elfenbein – logo. Fliegende rote Dschinndämonen – unschön, aber man wäre nicht überrascht, wenn sie hinter dem nächsten Berggipfel auftauchen würden.
Alles in allem ein sehr schöner Einstieg, die Triologie wird auf jeden Fall zu Ende gelesen. Nicht nur, weil „Dschinnland“ für Tarik, Sabatea, aber besonders für Junis mit einem (ein wenig vorhersehbaren) Cliffhanger endet.

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