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Simon Beckett – Die Chemie des Todes

David Hunter war der beste forensische Anthropologe Englands, bis ein tragischer Unfall sein Leben für immer veränderte. Aber der Tod lässt David einfach keinen Frieden…

   Titel: Die Chemie des Todes
   Autor: Simon Beckett
   Format/Seiten: Taschenbuch, 432 Seiten
   Herausgeber: rororo
   Erschienen: 01. August 2007
   ISBN: 9978-3-499-24197-0
   Preis: € 9,99 [DE]

   Teil einer Reihe?   1. Fall von David Hunter

 

Inhalt
 
David Hunter hat sich nach dem Unfalltod von Frau und Tochter als Vertretungsarzt in das beschauliche englisches Dorf Manham zurückgezogen. Seiner Vergangenheit als forensischer Antropologe kann er so lange entgehen, bis im nahegelegenen Sumpf eine weibliche Leiche gefunden wird und er auf Bitten der Polizei widerwillig bei der Identifikation behilflich ist. Als eine weitere Frau verschwindet, beginnt die fieberhafte Suche, denn schienbar handelt es sich um einen Serientäter, der seine Opfer einige Tage gefangen hält, bevor er sie tötet. Dr. Hunter gerät immer tiefer in die Ermitllung hinein – und wird schließlich selbst zur Zielscheibe. Denn in Manham gilt jeder Zugezogene als Fremder und ein eingesessener Dorfbewohner kann schließlich unmöglich der Täter sein…

Rezension

Die knappe Inhaltsangabe auf dem Buchrücken ist wohl der Tatsache zu schulden, dass das Buch bereits einen recht hohen Bekanntheitsgrad hat. Auch im Inneren des Buches gibt es keine weitere Inhaltsangabe, sodass man also als Beckett-Neuling nicht so genau weiß, was man nun zu erwarten hat. Aber da ich „endlich mal wieder was anderes als Fatasy – ohne weiblichen Hauptcharakter, ohne Dreiecksbeziehung und OHNE Vampire“ lesen wollte und man mir das Buch mit den Worten in die Hand drückte, dass ich „vielleicht mal nen Krimi“ lesen sollte und das auch nicht „so schlimm wie ein Fitzek“ sei…vertraute ich einmal auf diesen freundschaftlichen Rat von Bücherschatten.
 
Die Einführung scheint zunächst zu halten, was der Titel verspricht. Eine kurze Exkursion in die Welt der chemischen Prozesse, die beim Menschen nach dem Tod einsetzen. Leider setzt sich das Versprechen des Titels und jener ersten Sätze im Verlauf des Romans eher latent fort. Es gibt nur wenige Stellen, an denen tatsächlich die forensische Arbeit geschildert wird. Ich habe in der Schule einmal einen Teperence-Brennan-Roman von Kathie Reichs gelesen (Death du Jour, dt. „Knochenarbeit“), kann mich zwar nicht mehr so genau daran erinnern, aber ich habe den Eindruck, dass darin mehr Forensik zur Sprache kam (die Geburt eines Kindes hinterlässt derartig tiefe Spuren im Beckenknochen, dass man am Skelett auf sehr lange Zeit feststellen kann, ob eine Frau jemals Mutter geworden ist).
 
„Die Chemie des Todes“ ist eher ein psychlogisch angehauchter Thriller, wobei Thriller an dieser Stelle auch übertrieben wäre. Becket bemüht sich darum Spannung zu erzeugen, es gelingt ihm aber nicht durch einen mitreißenden Schreibstil oder das Tempo der Handlung, sondern vordergründig durch sich ständig wiederholende Versprechen auf DEN Spannungshöhepunkt
 
• „Die Erfahrung hatte mir gezeigt, dass manchmal selbst die kleinsten Details wichtig waren. Damals wusste ich es noch nicht, aber das sollte sich bald auf eine Weise bewahrheite, die ich am wenigsten erwartet hatte“ (S. 196)
• „In den nächsten Tagen sollte ich an desen Nachmittag als einen letzte Silberstreif am Horizont zurückdenken, bevor der Sturm losbrach.“ (S. 220)
 
Das Ganze wirkte ein wenig wie ein Karussell, das sich zwar dreht, dann aber immer langsamer wird und immer wieder angeschubst werden will, weil es sonst nicht in Fahrt bleibt. Eigentlich nicht so glücklich für einen Thriller. Für mich liegt das eindeutig an der Ich-Perspektive, die dem Leser zwar einen wunderbaren Einblick in die Gefühlswelt des Hauptcharakters Dr. Hunter ermöglicht, aber dadurch die Entwicklungen in der Handlung auch sehr eindimensional darstellt. Thriller leben für mich davon, dass sie aus mehreren Perspektiven berichten, den Leser durch das bewusste Weglassen von Informationen oder durch aprupten Abbruch der Szene an einer entscheidenden Stelle zum Weiterlesen anregen. Besonders das Hineinschlüpfen in den Täter und das Bewerten einer bestimmten Szenerie aus seiner Sicht ist immer hochspannend – und fehlt in „Die Chemie des Todes“ leider. An dieser Stelle tritt das Handwerk zu Tage. Es gehTätert um die Kunst, dem Charakter Tiefe zu verleihen, auf seine fehlgeleiteten Motive hinzuweisen, ohne dabei zu viele Hinweise darauf zu geben, um wen es sich wohl handelt.
Becketts Roman serviert lediglich den obligatorischen Erklärungsmonolog, mit dem wohl jeder Thriller zwangsläufig enden muss und in dem der Täter manchmal gelungen, machmal eher ungelenk um Verständnis heischt. Das Ende des Romans krankt an den Plattitüden mit denen der Verantwortliche seine Taten zu entschuldigen versucht. Da wird von Frauenhass über ausbordendes Selbstmitleid und geheuchelter Reue bis hin zur Eifersucht über Seiten hinweg kein Klischee ausgelassen.
 
• „Ich wollte nicht, dass es soweit kommt […] ich [hatte] keine Kontrolle mehr darüber.“ (S. 395)
• „Dankbarkeit? Das Wort kennen die Leute hier überhaupt nicht!“ (S. 398)
• „…fest davon überzeugt sie seien etwas besseres. Typisch Frau! Die sind alle gleich! Erst saugen und dann lachen sie dich aus!“ (S. 401)
• „Ich fühlte mich [von dir] verraten!“ (S. 406)
• „Glaubst du, es macht mir Spaß? Ich will die Sache jetzt einfach beenden.“ (S. 412)
 
Das hab ich mir beim Lesen schließlich auch gedacht, aber musste mich dann noch durch die groteske Szene kämpfen, in der Hunter zum übermenschlichen Helden wird und einfach nicht sterben will. Weil – man wird das Gefühl nicht los – der Täter ihn einfach nicht töten will. Man fragt sich als Leser, woran es denn nun hängt und was das alles soll. Am Ende fällt die Bilanz relativ ernüchternd aus. Ein Täter in der Klappse, der andere tot, das letzte Opfer gerettet und Dr. Hunter konnte sich von seinem Vergangenheitstrauma befreien. Im Epilog ist er der Polizei erneut bei einer Untersuchung behilflich.
Nachdem man „Die Chemie des Todes“ beendet hat, bestätigt sich für mich das Gefühl, dass der gesamte Roman lediglich die Aufgabe erfüllen sollte, den Charakter David Hunter zu etablieren, und die eigentliche Handlung eher nebensächlich ist. Für sich gesehen ist „Die Chemie des Todes“ ein schwacher Thriller. Wie der Roman als Auftakt der Reihe zu bewerten ist, werde ich dann bei den Rezensionen der Nachfolgeromane besser sagen können. Um nicht ganz so unversöhnlich zu enden, sei an dieser Stelle erwähnt, dass ich in David Hunters Charakter durchaus Potenzial sehe (und deshalb auch „die anderen Becketts“ lesen werde).
Auch wenn er sich manchmal widersinnig verhält…
…als praktizierender Arzt Schmerzmittel zusammen mit Rotwein zu sich nehmen – und sich wundern, warum die Patienten lieber zum Kollegen gehen…
…im Haus, in dem man den Serienmörder vermutet, laut „Hallo?“ brüllen und das Licht anschalten, damit man im Dunkeln nicht stolpert…
…auf der Flucht vor dem Psychopathen darüber nachdenken, ob man zurückfahren und das Handy einsammeln soll, das man beim Kampf verloren hat…
 
…gab es durchaus etwas, das ich an Hunters Charakter sehr glaubwürdig und auch im Zusammenhang mit dem Forensik-Thema als ziemlich geistreich empfand.
Die Forensik war einmal Hunters Leidenschaft gewesen, doch der Unfalltod seiner Familie hat scheinbar etwas verändert. Man stellt sich diese Frage im Zusammenhang mit Rechtsmediziniern doch immer wieder: Wie können diese Menschen nur mit den Dingen umgehen, die sie da vor sich sehen?
Beckett gibt eine ziemlich plausible Antwort. Dr. Hunter ist, seit er Frau und Kind verloren hat, nicht (mehr) in der Lage dazu, weil er nicht die nötige emotionale Distanz zu seinen „Patienten“ aufbauen kann. Die fleischlichen Überreste waren plötzlich keine Ansammlung von organischen Stoffen und chemischen Prozessen mehr, sondern Menschen mit einer Geschichte, mit einem Gesicht. Irgendwie ein tröstlicher Gedanke, selbst wenn Hunter zum Ende des Romans zu seiner einstigen Distanz zurückkehren kann.

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