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Leon Morell – Der Sixtinische Himmel

Der große historische Roman über den bedeutendsten Künstler der Renaissance: Michelangelo
 
Italien, Anfang des 16. Jahrhunderts. Der junge Aurelio kommt nach Rom, um dort beim größten Bildhauer seiner Zeit in die Lehre zu gehen: Michelangelo Buonarroti. Gerade hat der Papst diesen gegen seinen Willen mit einem Deckenfresko für die Sixtinische Kapelle beauftragt. Missmutig macht sich der Künstler ans Werk. Nachts jedoch erschafft er aus weißem Marmor das Bildnis einer Frau, die keiner jemals sehen darf: Die Kurtisane des Papstes. Aurelio verliebt sich unsterblich in die geheimnisvolle Schöne. Doch seine Liebe wird nicht nur ihm zum Verhängnis.

   Titel: Der Sixtinische Himmel
   Autor: Leon Morell
   Format/Seiten: Gebunden mit Schutzumschlag, 576 Seiten
   Herausgeber: Fischer Scherz
   Erschienen: 15. Mai 2012
   ISBN: ISBN 978-3-502-10224-3
   Preis: € (D) 19,99 | € (A) 20,60 | SFR 28,90

   Teil einer Reihe?   Nein

 

Rezension

Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich beim Fischer-Verlag bedanken, der mir auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse neben freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Romans zur Verfügung gestellt hat.
 
Bei „Der Sixtinische Himmel“ handelt es sich um einen historischer Roman im bekannten Stil. Eine fiktive Person wird mit historisch belegten Figuren verknüpft und der Leser erlebt die historischen Ereignisse aus der Sicht der fiktiven Person. Diese Gradwanderung zwischen Fiktion und Fakten finde ich sehr spannend und daher greife ich gerne auch mal zu historischen Romanen, allen voran natürlich Ken Follets Mammutwerke „Die Säulen der Erde“ oder „Die Tore der Welt“, allerdings seien auch Falcones‘ „Kathedrale des Meeres“ und „Die Pfeiler des Glaubens“ nicht unerwähnt.
Was den „Sixtinischen Himmel“ von den genannten Romanen unterscheidet, ist die Zeitspanne der Handlung. Sie erstreckt sich (den Prolog ausgeklammert) lediglich über die Entstehung des Deckenfreskos der Sixtinischen Kapelle (also 4 Jahre). Ich empfand das als sehr angenehm, da man sich zum einen weniger historische Fakten merken muss und zum anderen nicht an der gesamten Lebensgeschichte der Hauptfiguren teilnimmt. Der zentrale Charakter Aurelio lässt uns durch seine Augen Zeuge der Entstehung eines der größten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte werden. Es gibt im Gegensatz zu den „Säulen der Erde“ keine Subplots oder gleichrangigen Handlungsstränge, die vom zentralen Charakter ablenken. Dies erleichtert das Lesen ungemein und wird vor allen Dingen denen entgegenkommen, die sich bisher nicht an „Die Säulen der Erde“ herangetraut haben.
 
Inwiefern die historischen Fakten tatsächlich wahrheitgetreu wiedergegeben sind, kann man wohl nur feststellen, wenn man sich intensiver mit jener Zeit auseinandersetzt. Besonders den Fans der „Borgia“-Serie dürften die ein oder anderen Namen oder Begebenheiten bekannt vorkommen, auch wenn die historische Korrektheit der Serie häufig angezweifelt werden kann. Das Nachwort des „Sixtinischen Himmels“ vermittelt jedoch glaubhaft, dass Auttor Morell sehr um die Fakten bemüht ist. Dass Renaissance-Künstlern oft amoröse Affinitäten zu ihren Lehrlingen nachgesagt wurden, ist nicht abzustreiten. Ob sie jedoch der Wahrheit entsprechen oder dem Gerede von Neidern und Missgünstigen entsprungen sind, kann man heute nur noch schwer feststellen.
Neben dem Geschichtsaspekt lernt man jedoch auch eine Menge darüber wie beschwerlich das Leben in dieser Zeit zum einen gewesen sein muss. Aurelio verliert seine Mutter bei einem Überfall von marodierenden Soldaten, eine seiner Reisebekanntschaften flieht vor der brutalen Ehe, um in Rom ihr Glück zu machen – indem sie sich als Prostituierte an die Wohlhabenden der Stadt verdingt – und besonders in den Sommermonaten muss Rom wohl wie eine Kloake gestunken haben. Eine Zeit des Umbruchs, an der Schwelle von Mittelalter zu Neuzeit, in der das Wohl und Wehe von der Gunst des Gönners abhing. Ein Umstand mit dem Michelangelo sehr zu kämpfen hat. Als raubeiniger Visionär hält er nicht viel von der Prunksucht seiner (nicht minder talentierten) Konkurrenten, allen voran Raffael (der Schöpfer der „Schule von Athen“ und der „Sixtinischen Madonna“ – ja genau die mit den zwei kitischigen Weihnachtengeln, die JEDER kennt) und Bramante (von ihm stammen die Pläne für den neugestalteten Petersdom). Ohnehin gilt Michelangelos Hauptinteresse kaum dem Geld. So läuft er in abgwetzten Hemden herum und plagt sich mit den unverschämten Forderungen seiner Familie, die von der Berühmtheit des Sohnes und Bruders profitieren wollen.
 
Die handwerklichen Schwierigkeiten, vor denen Künstler der damaligen Zeit standen, kann man heute kaum noch nachvollziehen. Heutzutage wird Kunst mit Hilfe von Photoshop geschaffen, damals bedeutete ein Fehler, dass Gefahr für das ganze Kunstwerk bestand. Schimmelbildung in der Grundmasse, widrige Wetterbedingungen, die die Farben angriffen, körperliche Erschöpfung und langfristige Missbildung nach stundenlangem Malen über Kopf. Davon abgesehen, dass man auf gebogenem Untergrund malte, und sich somit völlig andere Anforderungen an die Perspektiven stellten, als auf flachem Untergrund. Das lässt die Leistung der damaligen Künstler noch bemerkenswerter erscheinen und uns das Kunstwerk mit völlig anderen Augen zu betrachten. Allein dafür lohnte sich das Lesen des Romans schon. Denn wenn der „Held“, zu dem man als Leser zwangsläufig eine emotionale Beziehung aufbaut, seine körperliche Verfassung beklagt, ist das ungleich viel einprägsamer als ein sachlicher Vermerk aus einem historischen Kunstbuch.
 
Eigentlich ist meine Begeisterung für diesen Roman bis auf einige, kleine Dinge ungetrübt. Der Anfang schleppt sich bis zu dem Zeitpunkt, da Aurelio bei Michelangelo in die Lehre geht, ein wenig dahin, sonst ist der Spannungsbogen durch ständige Rückschläge ausgewogen. Allerdings nimmt auch die im Klappentext angekündigte „gefährliche Liebe“ erst im letzten Drittel des Romans eine wichtige Stellung ein. Ein wenig enttäuscht war ich darüber, dass die Entstehung des Deckenfreskos quasi mit der Erschaffung des Adam endet und in der Handlung dann eher in den Hintergrund gerät, da sich der Autor nun ganz auf Michelangelo und die Entstehung der Mamorstatue konzentriert. Dabei ist – neben allen Konventionen, die Michelangelo ohnehin schon gebrochen hatte (nackte Männer, vollkommene Reizüberflutung durch hunderte Figuren, die sehr mannhafte Darstellung der Frauenfiguren) – die Tatsache, dass Gott auf einem Teil des Freskos nicht nur von hinten, sondern mit bloßen Gesäß zu sehen ist, doch die skandalöseste von allen. Hier hätte ich mir zumindest eine Erwähnung gewünscht, ebenso wie den ein oder anderen Satz dazu, warum Michelangelo Gott und seine Umgebung bei der Erschaffung des Adam in beachtliche Ähnlichkeit mit der Form des menschlichen Gehirns dargestelt hat. Aber dies sind wie gesagt nur einige, kleinere Kritikpunkte.
Sie werden wieder wettgemacht durch die tolle Umschlaggestaltung, die eine kleine Überraschung verbirgt. Neben zwei Übersichten, was sich auf dem Deckenfresko wo befindet, auf den ersten bzw. letzten Seiten des Buches, bietet der Schutzumschlag nach dem Aufklappen zunächst eine Detailstudie der „Erschaffung des Adam“ und nach weiterem Aufklappen eine Ansicht des gesamten Deckenfreskos. So muss man beim Lesen nicht ständig googeln, um verfolgen zu können, welche Stelle gerade entsteht. Eine schöne Idee – und es macht sich auch nett als kleines Poster an der Wand.
 
Am Ende also eine klare Leseempfehlung und besonders durch das kleine Extra mit dem Schutzumschlag eine Kaufempfehlung für die gebundene Ausgabe.

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