Cinema, Review

Gangster Squad

Ende der 40er Jahre in der Stadt der Engel: Mickey Cohen (Sean Penn, „Mystic River“, „Milk“) herrscht auf brutale Weise über die Unterwelt von Los Angeles. Ein Teil der Polizei ist mit von der Partie und scheffelt sich die Taschen voll, der Rest tut eingeschüchtert so als würde man nichts bemerken. Nur die Ein-Mann-Armee Srg. O’Mara (Josh Brolin, „True Grit“, „Men in Black III“) faustet ohne Rücksicht auf Verluste (und Familie) drauf los. Er bekommt von Polizeichef Parker (Nick Nolte, „…“) den Auftrag, Cohen mit Hilfe eines Spezial-Teams endgültig aus der Stadt zu verjagen. Nachdem O’Maras Ehefrau diejenigen gecastet hat, in denen sie die „besten Beschützer“ für ihren Mann sieht (sinngemäß: Es muss bei den ganzen Haubitzen auch jemand mit Köpfchen dabei sein…und komm ja gesund wieder, ich bin schließlich schwanger), wird die Polizeimarke eingemottet, die Zigarette in den Mundwinkel geklemmt und der Revolver gezückt. Am Ende hat man gefühlte hunderttausend Patronenhülsen an allen Orten in L.A. verteilt, sich geprügelt, wie echte Männer dies eben tun, und den bösen Mann endlich eingebuchtet.

Positiv herauszustellen ist der Stil des Films. Optisch bietet er alles, was man sich von einem Gangster-Streifen aus dieser Zeit erwartet. Verqualmte Hinterzimmer im Dämmerlicht, glitzernde Boulevards, stylische Oldtimer, Trenchcoat und obligatorischer Hut. Und das Zigarette-Rauchen wird derart (manchmal gar anrüchig) zelebriert, dass im Abspann explizit darauf hingewiesen wird, dass keiner der am Film Beteiligten dafür Geld von der Tabakindustrie erhielt. Gut zu wissen…
Eine weitere Überraschung war die Filmmusik. Manchmal die Swinging Classics, dann wieder Dramatik, die an Hans Zimmers „Inception“ erinnert, und auch ein bisschen heroische Epik, in der Töne aus „Avatar“ anklingen. Eines der Filmhighlights!
Dritter im Bunde ist die Wiederentdeckung der Zeitlupe. Mündungsfeuer sieht aber in Slow Motion auch noch mal so gut aus. Daumen hoch!

Die Handlung des Film hingegen ist zu vernachlässigen. Sie ist vorhersehbar und unspektakulär. Der Plot basiert eher lose auf der historischenen Figur von Mickey Cohen und der Spezialeinheit der Polizei, die ihm schließlich das Handwerk legte. Fans alter Klassiker wird der Streifen zudem sehr stark an „Die Unbestechlichen“ erinnern. Die Figuren durchmachen keine Entwicklung und wirken oberflächlich, obwohl sie so viel mehr Potenzial hätten. Trotz der hochkarätigen Besetzung mit routinierten Altmeistern und vielversprechenden Newcomern bietet sich daher auch wenig Raum für schauspielerische Glanzleistungen. Jeder Darsteller darf dies auf andere Weise kompensieren. Während Giovanni Ribisi („Avatar“) als Daniel-Düsentrieb-Verschnitt irgendwie noch Sympathien erhaschen kann, gehen fast alle anderen in der Bedeutungslosigkeit unter und scheinen den Cast nur aufzufüllen. Ryan Gosling („Drive“, „Wie an einem einzigen Tag“) wirft der Frauenwelt im Schatten seiner Hutkrempe zweideutige Blicke zu und Emma Stone („Zombieland“) darf in ihrem rote Kleidchen erst waffenscheinpflichtig sexy aussehen – bevor man sie in Großmutters Blüschen steckt. Und Sean Penn versucht das ganze Dilemma dadurch zu retten, dass er sein ganzes Schaupieltalent in die Waagschale wirft – und dabei einfach maßlos übertreibt. Sein Gebahren wirkt manchmal unfreiwillig komisch und einfach „too much“. Hier wäre weniger mehr gewesen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Darstellung der Gewalt. Dass bei so einer Schießerei eben nicht nur die Patronenhülsen fallen, dürfte wenig überraschend sein. Und dass hier Feuer mit Feuer pardon Gewalt mit Gewalt bekämpft wird, um ein gesellschaftliches Problem in den Griff zu bekommen, kann man zugegebenermaßen für fragwürdig halten. Nicht umsonst würde der Kinostart von „Gangster Squad“ wegen des Aurora-Amoklaufs bei einer Mitternachtspremiere von „The Dark Knight rises“ von September 2012 auf Januar 2013 verschoben. Unabhängig davon, ob man es nun moralisch verwerflich findet, einen derartigen Gangster-Film unterhaltsam zu finden oder nicht, waren die Methoden, mit denen Cohen unter seinen Ergebenen für Furcht sorgt, für mich persönlich sehr grenzwertig. Direkt zu Beginn des Films fragt man sich, ob man nicht in einem Splatter-Film gelandet ist – oder im Mittelalter (so hab ich das letzte Mal Sean Bean in „Black Death“ sterben sehen…). Weitere „Muss-jetz-nich-unbedingt-sein“-Momente folgen mit: Leute im Fahrstuhl einsperren und eine Feuerwalze durch den Schacht jagen oder „Bohren wir mal ein Loch in den Kopf und schauen, ob wir drinnen den Hinweis finden, wer unser Koks geklaut hat“. Dies schmälert den Unterhaltungswert des sonst eigentlich recht soliden, wenn auch nichtüberragenden Films doch merklich. Fans des Gangster-Genres werden mit „Road to Perdition“ oder „Public Enemies“ besser beraten sein – oder doch lieber gleich „Die Unbestechlichen“ oder „Der Pate“ anschauen.

Top-Momente (more or less)

  • Ryan Goslings und Emma Stones „After-u-know-what“-Dialog
    „Oh nein, er wird dich töten, wenn er rausfindet, dass ich mit dir geschlafen habe!“
    „Hmmm wer? Mickey Mouse?“
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  • O’Mara wird von Cohen-treuen Polizisten eingebuchtet, sein Team versucht ihn zu retten. Die Stichworte Autostoßstange, Eisenkette, Gitterstäbe und NICHT FUNKTIONIEREN sollten eure Fantasie angemessen beflügeln.
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  • Der Tüflter erklimmt einen Telegraphen-Mast, um eben selbigen anzuzapfen und mit Hilfe der Rückverfolgung des Signals Cohens Wettbüro ausfindig zu machen. Während der Rest des Teams UNAUFFÄLLIG in einem Pulk auf dem Bürgersteig drumherum steht.
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  • Sean Penns „Hier kommt der Weihnachtsmann!“, bevor er den Weihnachtsbaum (ja -baum, nicht -mann!) im Hotelfoyer dahinmeuchelt.
     

  • Der mit Abstand wundervollste Moment ist jedoch: Der Blick von Cohens Handlanger, als der Squad mit Instrumentenkoffern in der Hand hinter der Bühne eines Theaters auftaucht.
    „Wer seid ihr denn?“ – „Wir sind die Musikkapelle!“ *Kopfnuss*
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