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Simon Beckett – Leichenblässe

Dr. Hunter ist zurück
 
Bei seinem letzten Einsatz ist David Hunter nur knapp dem Tode entronnen. Nicht vollständig genesen, quält ihn die Frage, ob er seinem Beruf noch gewachsen ist. Bis ein alter Freund den Forensiker um Hilfe bittet: In einer Jagdhütte in den Smoky Mountains wurde ein Toter gefunden. Die Leiche ist bis zur Unkenntlichkeit zersetzt. Die Spuren sind widersprüchlich. Und David Hunter ist im Begriff, einen folgenschweren Fehler zu begehen…

   Titel: Leichenblässe
   Autor: Simon Beckett
   Format/Seiten: Taschenbuch, 416 Seiten
   Herausgeber: rororo
   Erschienen: 17. Juli 2010
   ISBN: 978-3-499-24859-7
   Preis: € (D) 9,99

   Teil einer Reihe?   3. Fall von David Hunter

 

Rezension

Die stetige Steigerung setzt sich fort. Waren „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ eher so lala, lasse ich mich bei „Leichenblässe“ fast zu einem Begeisterungssturm hinreißen. Zugegebenermaßen war ich zu Beginn wegen des Cliffhangers, mit dem der Vorgänger endete, noch ein wenig grantelig. Eine wirkliche Auflösung ließ auf sich warten, obwohl man recht schnell darüber aufgeklärt wurde, dass Hunter (Gott sei Dank, schließlich ist er doch der Protagonist!) noch einmal mit dem Leben davon gekommen ist. Der Mordversuch jener Tatverdächtigen aus dem letzten Fall hat Hunter nun endgültig mit seiner Freundin Jenny entzweit und wenn man die Vorgeschichte der beiden bedenkt, kann man Jennys Entscheidung nur zu gut verstehen. Dr. Hunter scheint die Psychopathen anzuziehen, wie das Licht die Motten. Da heißt es: Sich rechtzeitig aus dem Staub machen. Herr Beckett scheint eine subtile Botschaft an die weibliche Leserschaft zu haben: Lach dir niemals einen Pathologen an, das ist mit unabsehbaren Risiken für Gesundheit, Wohl und Leben verbunden. Also, Augen auf bei der Partnerwahl. Ob das wohl auch für Autoren gilt, die über Pathologen schreiben? 😉

Neben praktischer Lebenshilfe gibt es in „Leichenblässe“ jedoch auch endlich einmal die Forensik, die man sich von Romanen über einen Forensiker auch erhofft. Zum einen wäre da die (übrigens nicht fiktive) Anthropology Research Facility, eine Forschungseinrichtung, die treffenderweise auch Body Farm genannt wird und die Versetzungsprozesse von Organismen unter natürlichen Umständen zu enträtseln versucht. Da sitzt es also, das seltsame Völkchen der forensischen Anthropologen, und beobachtet, misst, verbuddelt, buddelt wieder aus, mampft dabei Sandwiches, als wäre nichts dabei, und ist sich auch nicht für ein Witzchen zu schade („Pass auf, wo du hintrittst […] Dahinten in der Nähe der Büsche liegt ein Staatsanwalt im Gras“, S. 11). Nach dem spontanen Lacher gerät man dann doch leicht ins Grübeln. Was darf Wissenschaft? Gibt es irgendwo eine moralische Grenze, die man nicht überscheiten darf, an der man zwischen Erkenntnis und „gutem Geschmack“ abwägen muss? Der Roman selbst widmet sich dieser Frage nicht näher und gibt somit auch keine Antwort darauf, allerdings ist es doch ein netter Denkanstoß für den Leser.
Während des gesamten Falls bleibt es wie bei den beiden Vorgängerromanen nicht bei nur einem Toten, allerdings türmen sich – besonders gegen Ende und im wahrsten Sinne des Wortes – ganze Berge auf. Nein, in „Leichenblässe“ wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: Unser Serienmörder hat seinen ganzen Keller voller Leichen…und seinen Garten…und auch den Rest seines Hauses. Da fragt man sich im ersten Moment ja schon, wie dass all die Jahre niemandem auffallen konnte, selbst wenn das Haus da so einsam im Wald herumsteht. Ist da nie jemand vorbeigewandert? Naja, wenn dürfte er wahrscheinlich auch eher irgendwo im Keller geendet sein. Nunja, rühren wir nicht in Kleinigkeiten herum. Auf dem Weg zu dieser Entdeckung muss Hunter jedoch tatsächlich intensive forensische Arbeit leisten. Knochen abkochen und zusammenpuzzeln und die (seltenen) Insekten, unsere alten Bekannten aus Roman 1, sind auch wieder mit von der Partie.

Neben so viel „Körperkult“ kommt allerdings die Spannung dieses Mal nicht zu kurz. Beckett hält ein neues erzählerisches Mittel bereit. In regelmäßigen Abständen wechselt man in die Gegenwart der Zweite-Person (trifft man literarisch schließlich nicht allzu häufig), um so aus der Täterperspektive zu berichten. Was bei mir erst einmal für grenzenlose Verwirrung sorgte, da ich dachte, dass diese Passagen Hunter meinen und zeigen wie er zum Anthropologen wurde und die Faszination für den Tod fand. Aber spätestens bei der Beschreibung des ersten Mordes kamen dann erste Zweifel auf. Also entweder ist Hunter ein mordender Psychopath oder irgendwas hast du da überlesen. Als es schließlich und das relativ früh im Buch zur Begegnung zwischen Hunter und dem Serienkiller kommt, ging dann auch mir auf, dass mit den kurzen, kursiven Passagen nicht unser Protagonist gemeint war.
Die Begegnung zwischen Hunter und dem Täter ist auch aus einem anderen Grund spannend. Da Hunter die Person nicht (er)kennt, kann man an dieser Stelle eigentlich all jene Personen als Täter ausschließen, die ihm im bisherigen Verlauf des Romans begegnet sind. Maybe yey, maybe no 😉

Über die Spannung hinaus, gibt es auch den ein oder anderen Charakter, der im Gegensatz zu den Vorgängerromanen in Erinnerung bleibt. Allen voran Professor Irving, ein unsagbar von sich überzeugter Star-Profiler. Bereits nach den ersten Zeilen hat er mich charakterlich an Sherlock Holmes aus der BBC-Serie erinnert, nur ohne ihn dabei sympathisch zu finden. Da bricht es auch kaum das Herz, dass Professor Irving es nicht bis zum Ende des Romans schafft. Hätte er im Fernsehen mal lieber nicht skandiert, dass „jeder Serienmörder ein Nichts ist, sonst wäre er keiner geworden“ (S. 148) und ihn für einen homosexuellen Versager gehalten…
Neben dem Professor gibt es jedoch auch noch den nörgeligen Polizisten, der nicht will, dass man sich in seine Ermittlungen einmischt, und den schleimigen Bestatter, der um Geld zu sparen mit seiner „Kundschaft“ allerlei Unorthodoxes anstellt („[Ich] kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was in einem Sarg nach der Beerdigung passiert!“, S. 98).

Bis zum Showdown am Ende des Romans tut Dr. Hunter erstaunlich wenig dämliche Dinge. Doch keine Angst, der Eindruck täuscht. Auch wenn es dieses Mal kein vollständiger Alleingang ist – dass man ERST Unterstützung anfordert und DANN in das Haus des Killers stürmt…Hach ja, ich frage mich, ob Hunter dies je begreifen wird…
So und nun zu einer Sache, die ich mir für diejenigen unter uns ausgedacht habe, die sich nicht entscheiden können, ob sie nun erfahren wollen, wer der Täter ist, oder nicht (Carina, du bist gemeint xD): Wir spielen eine Runde „Serienkiller“-Herzblatt. Wer war’s denn nun? Vier Kandiaten stehen zur Auswahl.

Nummer 1: Dr. Hunters guter Freund Tom
Alternder Anthropologe, der immer, wenn es wichtig wird, verschwindet, weil er ein Herzleiden hat. Verdächtig, verdächtig… Hat mit dem Serienkiller immerhin einen fehlenden Geruchssinn gemein („Mein Geruchssinn ist nicht mehr das, was er einmal war“, S. 32) und wäre nicht der erste gute Freund von Dr. Hunter, der sich als Psychopath entpuppt.

Nummer 2: Kyle
Der knuffig-schüchterne Pathologie-Assistent ist so unauffällig, dass man sich nicht einmal seinen Nachnamen merkt. Infiziert sich aufgrund eines fiesen Kniffes des Täters ganz böse mit Hepatitis und erregt die Sympathie des Lesers ansonsten dadurch, dass er verzweifelt eine Kollegin zu daten versucht. Ist aus Prinzip der Verdächtigste von allen, da es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, dass er der Täter ist.

Nummer 3: Mr. York – der Bestatter
Weil er täglich mit Leichen zu tun hat, diese auch gerne einmal unsachgemäß lagert, und irgendwie gestört zu sein scheint. Er verschwindet zu einem äußerst verdächtigen Zeitpunkt von der Bildfläche. Aber das schwerwiegendste Argument für seine Schuld ist natürlich die flächendeckende Überzeugung aller R>omancharaktere, dass es sich bei Mr. York um den Täter handelt.

Nummer 4: Der Unbekannte
Ein Charakter, der im Roman tatsächlich nicht in Erscheinung tritt und nur zur Auflösung des Falls herhalten muss.

An dieser Stelle sei nur so viel verraten: Eine der vier Möglichkeiten ist zutreffend 😉 Viel Spaß beim Lesen!^^

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2 thoughts on “Simon Beckett – Leichenblässe”

  1. Jetzt hast du mich echt neugierig gemacht… Werde bald die Reihe unbedingt fortsetzen müssen 😀 Ohne eine Ahnung zu haben tippe ich auf Nr.1 – Es sind doch immer die guten Freunde in denen man sich täuscht ;D

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    1. Jetzt, wo ich mir das noch einmal so betrachtet, gehst du damit aber echt hart mit mir ins Gericht xD
      Pffff…sich in mir täuschen, sowas. Es sei denn wir wäre nicht gut befreundet. In diesem Fall wäre ich allerdings auch beleidigt.

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