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Philip Pullman – Der Goldene Kompass

Lyra geht in ein altehrwürdiges Internat in Oxford. Eines Tages bekommt sie Besuch von ihrem Onkel Asriel, der dort für eine Expedition in den hohen Norden werben will. Er zeigt den Wissenschaftlern unglaubliche Bilder von dem, was er dort zu finden glaubt: eine ganz andere, fantastische Welt! Kurz nach seiner Abreise verschwindet ein Kind nach dem anderen. Ob das mit der Expedition zu tun hat? Als es auch Lyras besten Freund trifft, macht sie sich selbst auf in den Norden. Sie findet tatsächlich eine Brücke zwischen den Welten und wagt mutig den ersten Schritt…

   Titel: Der Goldene Kompass
   Autor: Philip Pullman
   Format/Seiten: Taschenbuch, 448 Seiten
   Herausgeber: Carlsen
   Erschienen: Oktober 2007 (Gesamtschuber)
   ISBN: 978-3-551-35720-5
   Preis: € 19,99

   Teil einer Reihe?   His Dark Materials

 

Rezension

Nachdem ich die Verfilmung mit Nicole Kidman und Daniel Craig als eingefleischter Fatasy-Fan 2007 natürlich im Kino gesehen habe, kam ich nun also endlich dazu, mich auch einmal mit der Buchvorlage zu beschäftigen. Mir erging es mit dem Film so wie den meisten. Irgendwie nicht schlecht, aber Begeisterungsstürme sehen anders aus. Nun also die Frage: Konnte mich das Buch ebenso wenig überzeugen? Und die Antwort lautet: Nun ja, kommt drauf an.

Am Erzählstil kann man eigentlich wenig mäkeln – 3. Person Vergangenheit, gutes Gleichgewicht zwischen Dialogen und Beschreibungen, diese nicht umständlich blumig, aber so, dass man als Leser ein gutes Bild vom Setting bekommt. Das Setting als solches fand ich spannend, da es Elemene des Steampunks gibt, die Vergangenheit und Zukunft miteinander vermischen (mechanische Insekten, die von einem bösen Geist angetrieben werden). Lyras Welt ist „unserer Welt“ sehr ähnlich. Ähnlich, aber nicht gleich. Eine Tatsache, die mich in gleichem Maße fasziniert wie verwirrt hat. Die Namensgebung der Städte, Länder (East Anglia = Großbritannien) und ethnischen Gruppen (Gypter = Gypsies = Zigeuner) unterscheidet sich manchmal nur minimal. Allerdings führte dies dazu, dass ich nie vollends in Lyras Welt eintauchen konnte, weil die Realität mich nie ganz losgelassen hat. Daher fällt es mir auch schwer, „Der Goldene Kompass“ in ein Genre einzuordnen. Der Roman ist zu weit von der Wirklichkeit entfernt, um Urban Fantasy zu sein, aber nicht fantastisch genug, um zum klassichen Fantasy zu zählen.

Sehr gefallen hat mir die Idee mit den tierischen Begleitern (Dämonen), die jeder Mensch in Lyras Welt besitzt. Dämonen stellen die Seele des Menschen dar, Emotionen oder körperliche Schmerzen des Einen fühlt auch der Andere. Der Dämon kann seine Gestalt je nach Situation wechseln, wenn der Mensch in die Pubertät kommt, nimmt der Dämon seine endgültige Gestalt an und drückt damit den Charakter seines Menschen aus. Auch die anderen metaphysischen Elemente, wie der Staub (jene Substanz, die „die Welt im Innersten zusammenhält“) oder der Namensgeber des Romans, das Alethiometer oder eben goldener Kompass, machen die Welt von Lyra zu einem Ort, über den man immer wieder nachdenken muss – und automatisch nach Parallelen zur Realität sucht oder sich fragt, was soll nun dieses Symbol verdeutlichen, welche Gesellschaftskritik steht hinter diesem und jenen, was möchte Pullman damit ausdrücken. Dies mag zwar interessant sein, aber auf die Dauer auch recht anstrengend. „Der Goldene Kompass“ ist keine Lektüre, die man mal gerade so runterliest, man muss sich mit der Thematik und den philosophischen Fragen beschäftigen, die der Roman aufwirft.

Daher gab es immer wieder Momente, in denen ich innehielt und prüfte, wie viele Seiten es denn noch bis zum Ende sind – und dann meist mit einem gedanklichen „Puh!“ feststellte, dass es noch einige waren. Da der Roman in drei Teile untergliedert ist (überschrieben mit dem Ort, an dem die Handlung stattfindet: Oxford, Bolvangar, Svalbard), konnte ich mich dann glücklicherweise immer von einem Teil zum nächsten weiterhangeln.

Dass ich Probleme damit hatte, in die Handlung hineinzukommen, lag nicht nur am Setting, das sich nicht etscheiden kann, ob es nun real oder fiktiv sein will, sondern auch zu einem großen Teil daran, dass mir der Hauptcharakter hochgradig unympathisch war. Dies ging mit bei der Verfilmung schon so, vielleicht ist dadurch auch eine gewisse „Vorbelastung“ vorhanden. Lyra erschien mir als eine eine besserwisserische, arrogante und verzogene Göre, die vorlaut ist und sich keinen Deut darum schert, ob sie anderen mit ihrem Verhalten Sorgen bereitet oder sie gar in Schwierigkeiten bringt. Zwar macht sie sich nach dem Verschwinden ihres besten Freundes auf die Suche nach ihm, allerdings wird man als Leser das Gefühl nicht los, nur weil sie Abenteuer erleben will und ihre schulische Erziehung in Jordon College leid ist. Es gibt Augenblicke, in denen sie Mut beweist und anderen zur Hilfe eilt, doch ich hatte nie den Eindruck, dass sie dies aus Selbstlosigkeit tut. Alles scheint darauf abzuzielen, dass sie in den Norden gelangt und damit auch zu ihrem Onkel und dies tut sie nur, um ihre Neugierde auf die fremde Welt zu befriedigen, die mit Hilfe des Staubes zu erreichen ist. Wenn man sich vor Augen führt, wie der Rest von Lyras Familie charakterlich beschaffen ist, verwundert das Benehmen des Mädchens hingegen kaum. Lord Asriel ist ein herrischer, skrupelloser Mann, der sprichwörtlich über Leichen geht, Mrs. Coulter, die zeitweise Lyras Ziehmutter mimt, ist eine intrigante Religionsfanatikerin mit latenter Allmachtsfantasie. Selbst bei den Nebenfiguren fällt es schwer jemanden zu finden, der das Herz erwärmen kann.

Und dies ist genau der Punkt: Dem Roman fehlt es an Herz.

Mehr noch. Gewalt in all ihren Formen ist allgegenwärtig. Lyra wird von der Köchin geschlagen, als sie etwas zu Essen stibitzt, und auch die Dozenten am Jordan College scheinen gerne von dieser Strafe Gebrauch zu machen. Die Oxforder Kinder untereinander prügeln sich, statt ihre Streitigkeiten mit Worten auszutragen. Die Gypter, das kritisch beäugte Zigeunervolk, sind nicht zimperlich in ihren Umgangsformen, teils jedoch nur, weil sie von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Bei den Eisbären im Norden herrscht Rivalität, um den Thron. Der alte König wird umgebracht, sein Sohn ins Exil getrieben. Nur durch einen brutalen Kampf auf Leben und Tod kann er sein Geburtsrecht zurückerlangen. Es muss jedoch nicht immer die schonungslose Beschreibung sein, die dem Leser eine Gänsehaut verpasst. Manchmal ist es gerade das, was nicht beschrieben wird beziehungsweise nicht die körperliche, sondern die psyschiche Gewalt, die anderen angetan wird. Der skrupellose Mord an einem Kind durch Lord Asriel gegen Ende des Romans hat mich furchtbar schockiert und nicht auszunehmen ist die Tatsache, dass im Buch Kinder entführt werden, um Experimente an ihnen durchzuführen. Für sich gesehen schon perfide genug, dass dies aber durch die geistliche Instanz, das Magisterium, geschieht, hinterlässt nicht nur wegen der Missbrauchsskandale in jüngster Vergangenheit einen bitteren Beigeschmack. Pullman hat stets darauf bestanden, dass seine Romane als Gegenentwurf zu den christlich geprägten „Narnia“-Romanen zu sehen sind. Dass man den Missbrauch an Kindern für seine Kirchenkritik heranziehen muss, halte ich dennoch für äußerst grenzwertig. Auch die Einordnung von „Der Goldene Kompass“ als vermeintliches „Kinderbuch“, sollte man daher eher mit Vorsicht genießen.

Fazit

Das Lesen geht nicht leicht von der Hand, es geht aber schließlich auch nicht um lockerflockige Themen. „Der Goldene Kompass“ ist keine leichte Kost und kommt sehr philosophisch daher. Manchmal sind die Beschreibungen unerwartet blutrünstig (eines Nachts Lyra erscheinen Geister mit „blutigen Stümpfen“ (S. 61) statt Köpfen; beim Kampf der Eisbären spritzt das Blut nur so in den Schnee), manchmal sind es gerade die leise Töne, die für einen Schauern über den Rücken sorgen (Lyra findet einen Jungen, den man von seinem Dämon „abgeschnitten“ hat, nach kurzer Zeit, in der seine Verzweiflung sehr intensiv beschrieben wird, stirbt er). Humor sucht man im ganzen Roman vergeblich, stattdessen gibt es geballte Ladung Metphysik. Ich werde die Folgebände auf jeden Fall noch lesen, habe aber die Befürchtung, dass sie sich als ähnlich zäh erweisen.

Zitate

„Ich würde nicht so viel Angst um sie haben.“ – „Das ist die Aufgabe der Alten“, sagte der Bibliothekar, „um die Jungen Angst zu haben. Und die Aufgabe der Jungen ist es, über die Angst der Alten zu lachen.“ (Seite 41)

„Ein Kastrat hat sein Leben lang eine hohe Sopranstimme und die Kirche hatte auchnichts gegen diese Parxis: Kastraten hörten sich in der Kirchenmusik so schön an. Einige wurden große Sänger, wunderbare Künstler. Viele wurden nur dicke, aufgedunsene Männer, die eigentlich gar keine waren, und einige starben auch an den Folgen der Operation. Die Kirche schreckt vor einem kleinen Schnitt jedenfalls nicht zurück […] Es wäre eine vergleichsweise harmlose Sache. […] Wenn man nun den Dämo vom Körper trennte, würden wir dem Staub – der Erbsünde – vielleicht nicht mehr unterworfen sein. […] Die Afrikaner haben eine Methode, durch die sie Menschen zu Sklaven machen, zu sogenannten Zombies: Das sind willenlose Geschöpfe, die Tag und Nacht arbeiten, ohne wegzurennen oder sich zu beklagen. Sie sehen aus wie Leichen…“ (Seite 418/9)

„Ich verwende das Beispiel mit einer Münze zur Veranschaulichung. Dass bestimmte Möglickeiten ausscheiden, passiert auch auf der Ebene der Elementarteilchen auf genau dieselbe Art: Im einen Moment sind noch mehrere Dinge möglich, im nächsten wird aus einer Möglichkeit Wirklichkeit und die anderen Möglichkeiten gibt es nicht mehr. Es sei denn, es enstehen andere Welten, in denen diese Möglichkeiten verwirklicht wurden […] Irgendwo von da draußen kommen Staub, Tod, Sünde, Elend und die ganze Zerstörungswut auf dieser Welt. Die Menschen können nichts shen, ohne es gleich zerstören zu wollen, Lyra. Das ist die eigentliche Erbsünde. Und ich werde sie vernichten. Der Tod wird sterben.“ (S. 420/1)

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4 thoughts on “Philip Pullman – Der Goldene Kompass”

  1. Vermutlich werden sich die beiden Folgebände für dich noch verstörender anfühlen … ich hab dann erst mal im dritten Band aufgehört, völlig enttäuscht, weil es ja ein vielgelobtes Buch ist.
    Angesichts dessen, was sich katholische Geistliche nach wie vor mit Kindern herausnehmen, fand ich die schwerverdaulichen Szenen diesbezüglich schon noch folgerichtig, wenn auch heftig – die Mißbrauchsskandale nehmen ja kein Ende, und der Vatikan versucht das alles immer noch zu vertuschen, trotz aller Lippenbekenntnisse.
    Leider – zurück zum Buch – verfällt der Autor aber immer mehr in das Noch-eine-Drehung-damit-das-Buch-dicker-wird-Syndrom, und im dritten Band ist mir dann der Geduldsfaden gerissen. Es hat mich dann einfach nicht mehr interessiert, wie’s endet …

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    1. Ich bin gespannt. Sie stehen im Regal, aber es gibt vorher noch ein paar andere in der Schlange.
      Ich hab bisher bei wenigen Büchern aufgegeben, fühlt sich so „unfertig“ an, wenn man ein Buch nicht zu Ende liest.

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