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Ehrengast 2013: Brasilien

Ein Land voller Stimmen. Unter diesem Motto präsentierte sich Brasilien, das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse. Die prominenteste literarische Stimme sorgte bereits im Vorfeld für Wirbel. Paulo Coelho, Autor von Bestsellern wie „Der Alchimist“ und „Veronika beschließt zu sterben“, boykottierte seine Teilnahme. Er gehe nicht nach Frankfurt, trotz der hohen Wertschätzung, die er für diese Messe habe. Aber er heiße die Art, wie brasilianische Literatur repräsentiert werde, nicht gut. Coelho warf dem Kultusministerium seines Heimatlandes „Vetternwirtschaft“ vor und zeigte sich enttäuscht darüber, dass die „neue und aufregende Literaturszene“ und junge Autoren keine Berücksichtigung fänden.

Zu sehen bekam man Coelhos Konterfei dennoch: Als Werbeaufkleber auf den den Shuttles, die die Besucher über das Messegelände chauffierten. Buchmesse so ganz ohne Coelho – diese Blöße wollte man sich dann wohl doch nicht geben. Auch über diesen spärlichen Auftritt hinaus bestätigte sich das Bild, das man schon im letzten Jahr gewinnen konnte: Bis auf die Ausgestaltung des Ehrengastpavillons scheint das Gastland wenig Bedeutung für den „normalen“ Besucher zu haben.

Zumindest dabei bewies Brasilien ein glücklicheres Händchen als Neuseeland im letzten Jahr. Der abgedunkelte Raum mit dem Wasserbassin in der Mitte war zwar atmosphärisch und fing die Mystik des „Landes der großen weißen Wolke“ sehr gut ein, hatte jedoch wenig mit dem Thema Buch zu tun. Dieses Jahr nun ein „literarischeres“ Verständnis der eigenen Nation. Die meisten Elemente in dem großen Raum des braslinianischen Ehrengastpavillons bestanden aus Pappe oder Papier – Wände, Regal, Tische und Stühle, sogar Skulpturen. Der kritische Betrachter mochte sich fragen, wie viele Bäume denn dafür dran glauben mussten, doch sollen die Probleme, die die Abholzung des brasilianischen Regenwaldes mit sich bringt, an dieser Stelle nicht Thema sein.

Die Gesamtkonzeption hat mir sehr gut gefallen. Ein großes Bücherregal mit den unterschiedlichsten Werken und Literaturgattungen bot ausreichende Möglichkeit, sich einen Eindruck von brasilianischer Literatur zu verschaffen – ob diese Auswahl nun repräsentativ sein mochte oder nicht. Eine Kissenlandschaft lud zum Verweilen ein, und der Hängemattenbereich bot nicht nur die akute Gefahr, dass man gar nicht mehr wieder aufstehen wollte, sondern demonstrierte dem ein oder anderen auch die wundersame Macht der Schwerkraft. Wer es bei so viel „Chill’n“ eher sportlich mochte, konnte sich auf den Fahrrädern betätigen und dazu verschiedenste Kollagen auf einem Bildschirm betrachten. Ehrlich gesagt, erschloss sich mir der Zweck dieser Übung nicht ganz, aber man muss zugeben, dass die gesamte Installation schon etwas hermachte. Ein weiterer Bereich zeigte Videos, die Brasilien als Land näher vorstellten. Abgerundet wurde der Auftritt des Ehrengastlandes durch Skulpturen unterschiedlichster Personen. Bei genauerem Hinschauen erkannte man, dass es sich um gestapelte Papierbögen handelte, deren Seiten bedruckt waren. Mit der Hommage an den „Stoff“ aus dem die Bücher sind, traf Brasilien genau meinen Geschmack. So habe ich mir die (literarische) Präsentation eines Ehrengastlandes vorgestellt. Was über den Ehrengastpavillon hinaus von Brasiliens Buchszene bleibt, ist überschaubar. Die FAZ kommentierte es in einer ihrer Sonderausgaben zur Buchmesse pragmatisch. „Was man vom Gastland lernen kann: 5 cl Cachaca, 1 Limette, weißer (!) Zucker, Eiswürfel. Saúde!“ Nun hat Brasilien sicherlich mehr zu bieten als Caipirinha. Als Privatbesucher bekommt man davon allerdings wenig mit. Auch das Ehrengastland 2014 macht klar, worum es eigentlich geht: Finnland erhofft sich die Eroberung des europäischen Marktes durch den Verkauf von Lizenzen, das Steigern des Bekanntheitsgrades durch das Knüpfen von Geschäftsbeziehungen. Als Leser kommt man da erst ganz am Ende der Kette ins Spiel. Dennoch ist man ist gespannt darauf, was sich das „coole“ Gastland für den Pavillon ausdenkt. Finnland, wir freuen uns auf dich!

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