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Sebastian Fitzek – Der Augenjäger

Dr. Suker ist einer der besten Augenchirurgen der Welt. Und Psychopath. Tagsüber führt er die kompliziertesten Operationen am menschlichen Auge durch. Nachts widmet er sich besonderen Patientinnen: Frauen, denen er im wahrsten Sinne des Wortes die Augen öffnet. Denn bevor er sie vergewaltigt, entfernt er ihnen sorgfältig die Augenlider. Bisher haben alle Opfer kurz danach Selbstmord begangen.
Aus Mangel an Zeugen und Beweisen bittet die Polizei Alina Gregoriev um Mithilfe. Die blinde Physiotherapeutin, die seit dem Fall des Augensammlers als Medium gilt, soll Hinweise auf Sukers nächste „Patientin“ geben. Zögernd lässt sich Alina darauf ein – und wird von dieser Sekunde an in einen Strudel aus Wahn und Gewalt gerissen …

   Titel: Der Augenjäger
   Autor: Sebastian Fitzek
   Format/Seiten: Taschenbuch,  432 Seiten
   Herausgeber: Knaur
   Erschienen: November 2012
   ISBN: 978-3-426-50373-7
   Preis: € 10,99

   Teil einer Reihe?   Fortsetzung „Augensammler“

REZENSION

Vorneweg sei erst einmal davor gewarnt, dass diese Rezension sich zwar darum bemüht, nicht zu viel vom Inhalt des „Augenjägers“ preiszugeben, sich dafür aber teilweise auf die Geschehnisse im „Augensammler“ bezieht. Wer also den Vorgängerroman noch nicht gelesen hat, schwebt in „Spoilergefahr“.

Auch hier wird wie beim „Augensammler“ durch den Klappentext erst einmal eine Erwartung – oder besser gesagt eine Befürchtung – beim Leser geweckt, die nicht so recht mit dem Inhalt des Buches zusammenpassen will. Ich jedenfalls, dachte Gott-weiß-was-mich-erwartet, hatte schon wildeste Bilder vor Augen und rechnete mit detaillierten Beschreibungen, wie der Augenchirurg mit seinen Opfern zu Werke geht. Blieb mir aber erspart, da der Psychopath gar nicht mehr praktiziert, sondern von der Polizei bereits in Untersuchungshaft gesteckt wurde. Auch wenn er recht schnell  wegen mangelnder Beweise entlassen werden muss, natürlich nicht von seinem Tun ablässt, unserer Protagonistin unbedingt zu neuem Augenlicht verhelfen will und sich in einem nicht näher benannten Berliner Keller durchaus eklige Dinge abspielen, verpufft der erste Teil des Klappentextes damit im Nichts. Ein bisschen hat man das Gefühl, der Klappentext ist weniger als Appetizer, sondern als Ergänzung zum eigentlichen Roman zu sehen. Damit auch der deppischste Leser begreift, worum es geht. Na, vielen Dank!

Inhaltlich geht es von Seite 1 an auf die gewohnte Achterbahnfahrt – die sich allerdings im Gegensatz zu den Romanen, die ich bisher von Herrn Fitzek gelesen habe, ordentlich holprig entwickelt. Man weiß im ersten Drittel nicht so genau, ob man sich tatsächlich in der Fortsetzung zum „Augensammler“ oder in einer komplett neuen Geschichte befindet. Die Geschehnisse um Ex-Polizist Zorbach scheinen erst einmal abgehakt zu sein, doch dann entwickelt sich das Ganze zu einer ehrlich gesagt an den Haaren herbeigezogenen Verstrickung der beiden Romanhandlungen, in der plötzlich gar nichts mehr so ist, wie es mal schien, in der Verstorbene plötzlich doch nicht tot sind, sondern sich zu wahren ÜBER-Charakteren entwickeln, und die Bösen nicht die Bösen und die Gute nicht die Guten sind. Als Garnitur gibt es dann noch munteres Identitäten-tauschen und -vortäuschen. Als wäre das alles nicht genug, ergibt sich auch noch ein Zusammenhang zwischen Alinas Vergangenheit, dem Treiben des psychopathischen Chirurgen und dem perfiden Werk des Augensammlers. Die inhaltliche Finesse in allen Ehren, aber das war viel zu konstruiert, viel zu gewollt. Dafür lässt man den Leser mit offenen Fragen, die sich aus der Handlung des „Augenjägers“ ergeben, ratlos zurück.

Wer ist der Mann, der Alina auf der Straße anrempelt und ihr die Zahlenkombination ins Ohr flüstert, die laut Augensammler Zorbachs Sohn Julian vor dem Tod retten sollte? Warum hat er Alina die Kombination verraten, wo doch die Frist zur Rettung des Jungen bereits lange abgelaufen war?

Wer ist die Frau mit Namen Iris? Dafür, dass sie eine so wichtige Rolle im Gefüge einnimmt, ist ihr zum einen ein ziemlich lahmer Abgang beschert und zum anderen erfährt man als Leser nichts über ihre Vergangenheit und ihre Beweggründe. Dafür, dass sonst jedem noch so kleinen Detail eine Bedeutung beigemessen wird, bleibt dieser Handlungsstrang enttäuschenderweise ohne großen Hintergrund.

Positiv hervorzuheben ist hingegen erneut die Kunstfertigkeit mit der Fitzek Alinas Wahrnehmung ihrer Umwelt beschreibt. Schließlich ist sie ja immer noch eine Blinde, die auf die Hilfe ihres Hundes TomTom angewiesen ist (der in einer Badewanne um Überleben kämpfen muss – Kinder und Tiere, das bewegt sich SEHR nah an der Grenze des guten Geschmacks). Hier wird zwar speziell bei der Gefangenschaft im Keller maßlos übertrieben (was Alina alles weiß, ohne etwas sehen zu können, was sie alles mit ihrem Körper anstellen kann), aber wer kann schon einschätzen, wie weit man selbst gehen würde, um sein Leben zu retten oder sich zumindest noch größeres Leid zu ersparen.

Auch die Querverweise zu Charakteren aus anderen Fitzek-Romanen sind ein nettes Gimmick und scheinen sich beim Autor zu einer Art Tradition zu entwickeln. Während Zorbach im „Augensammler“ davon berichtet, dass er den Psychologen Larenz (Protagonist aus „Die Therapie“) und den Jungen, der sich für einen Serienmörder hielt (Protagonist aus „Das Kind“) einmal interviewt hat, gibt’s auch im „Augenjäger“ eine kleine Verknüpfung zum „Therapie“-Roman. In Larenz‘ ehemaliger Villa auf Schwanenwerder wurde eine psychiatrische Klinik eingerichtet, in der sich unsere Protagonisten im Verlauf des Romans wiederfinden. Ob das nun logisch erscheint, sei dahingestellt.

FAZIT

Für mich der bisher schwächste Roman des deutschen Thriller-Königs und eine trotz mehr oder weniger Happy End enttäuschende Auflösung des Cliffhangers aus dem „Augensammler“. Es ist aber immer noch Jammern auf hohem Niveau, denn trotz der krampfhaften Versuche, möglichste viele unerwartete Wendungen in der Handlung unterzubringen, gelangt man als Leser niemals an den Punkt, bei dem man das Buch aus der Hand legen und nicht mehr weiterlesen möchte. Das nächste Mal vielleicht ein bisschen weniger herumexperimentieren und dafür ein wenig mehr Konsequenz an den Tag legen.

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