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Diverse – Wild Cards: Das Spiel der Spiele

Seit sich in den Vierzigerjahren das Wild-Card-Virus ausgebreitet hat und Menschen mutieren lässt, gibt es neben den normalen Menschen auch Joker und Asse. Joker weisen lediglich körperliche Veränderungen auf, während Asse besondere Superkräfte besitzen. Da ist zum Beispiel Jonathan Hive, der sich in einen Wespenschwarm verwandeln kann, oder Lohengrin, der eine undurchdringliche Rüstung heraufbeschwört. Doch wer ist Amerikas größter Held? Diese Frage soll American Hero, die neueste Casting Show im Fernsehen, endlich klären. Für die Kandidaten geht es um Ruhm und um so viel Geld, dass sie beinahe zu spät erkennen, was wahre Helden ausmacht.

   Titel: Wild Cards – Das Spiel der Spiele
   Originaltitel: Wild Cards Inside Straight
   Autoren/Hrsg.: Diverse/George R. R. Martin
   Format/Seiten: Broschiert, 544 Seiten
   Verlag: Penhaligon
   Erschienen: 25. August 2014
   ISBN: 978-3-7645-3127-0
   Preis: € 15,00 [DE]

   Teil einer Reihe?   Wild Cards

Ich durfte das als neuen Roman von George R. R. Martin angekündigte „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ vorab lesen und pünktlich zum Erscheinungstermin möchte euch meine Meinung dazu nicht vorenthalten. Und vorweg genommen – es hat mir gut gefallen 😉 Doch zum Beginn erst einmal ein wenig Aufklärungsarbeit, denn das Wild-Cards-Universum ist gar nicht so neu wie es auf den ersten Blick scheint. Von Ende der 80er bis Mitte der 90er erschienen knapp ein Dutzend Kurzgeschichtensammlungen, die von diversen Autoren geschrieben und von George R. R. Martin herausgegeben wurden. Darin geht es um verschiedene Charaktere aus dem vielfältigen Wild-Cards-Verse und deren Geschichten, nachdem ein über Manhatttan freigesetztes Virus seine Opfer entweder tötete, körperlich veränderte (Betroffene nennt man Joker) oder ihnen Superkräfte verlieh (Asse genannt). Näheres dazu findet man im Wild-Cards-Wiki, das beim Lesen von „Das Spiel der Spiele“ durchaus hilfreich sein kann, denn die 2008 unter dem Titel „Wild Cards Inside Straight“ erschienene Kurzgeschichtensammlung rückt die nächsten Generation Wild Cards in den Fokus, bezieht sich aber teilweise auf Ereignisse in der Vergangenheit. So ist das Einlesen in den familiären Hintergrund von John Fortune zu empfehlen, wenn man seine Geschichte besser verstehen möchte.

Was man also vor dem Lesen unbedingt auf dem Schirm haben sollte: Es handelt sich nicht um einen Roman, der von George R. R. Martin geschrieben wurde, sondern um eine Sammlung von mehreren Kurzgeschichten, deren Handlungen aber einem Roman gleich miteinander verknüpft sind. Martin fungiert als Herausgeber und trägt auch eine kleinere Story bei (Kreuzritter/Crusader), hauptsächlich kommen jedoch andere Autoren zum Zug. Und das Ganze ist nicht Auftakt einer neuen Superhelden-Reihe, sondern widmet sich lediglich neuen Charakteren in einem bestehenden Superhelden-Verse. Die Sammlungen sind damals bei Heyne erschienen, derzeit aber wohl nicht mehr im Handel erhältlich.

Doch nun zum Buch selbst. Der Klappentext führt zum Inhalt ein wenig in die Irre, es sei an dieser Stelle ein Blick auf den Text der Klappenbroschur empfohlen, wenn man sich ein besseres Bild davon machen möchte, was man beim Lesen zu erwarten hat. „Das Spiel der Spiele“ beginnt nämlich mit einem Anschlag auf den Herrscher des Kalifats zu dem sich der größte Teil des nahen und mittleren Ostens zusammengeschlossen haben, ein Abschnitt den man erst einmal nicht richtig einzuordnen weiß, da sich sich die Handlung unmittelbar danach der Show „American Hero“ widmet. Dort finden sich unsere Helden nach der Casting-Phase in vier Teams (Herz, Kreuz, Pik und Karo) zusammen, um vor laufender Kamera bei Prüfungen zu beweisen, wer der oder die Beste ist. Im Buch gibt es eine schöne Aufstellung der Teams und deren Mitglieder, die nützlich ist, wenn man aus den Augen verloren hat, wer wie heißt und was kann. Und was sind coole und zugegeben ebenso unkonventionelle Charaktere dabei – Amazing Bubbles, ein bildhübsches Model, das Bewegungsenergie in Fett umwandelt. Verurscht erst mal einen skeptischen Blick, aber wartet ab bis ihr sie kennenlernt 😉 Wild Fox, ein Gestaltwandler, der unteren anderem als Brad Pitt auftritt. Die als Kind gemiedene Ana, die „nur Löcher gräbt“ – und dann feststellt, das man damit im wahrsten Sinne des Wortes Berge versetzen kann. Eine 11-jährige, die Plüschtiere zum Leben erweckt – Daenerys pack deine Drachen ein, du hast keine Chance! Hier eine kleine Auswahl aus dem Buchtrailer-Making-Of, auch wenn es sich dabei nicht unbedingt um meine Favoriten handelt.

Sehen sie nicht schick aus? Von links nach rechts: Lohengrin, Gardener mit dem sehr grünen Daumen, der sechsarmige Rockstar Drummer Boy, the Grandmaster himself George R.R. Martin (der aber auch gut als Reverend Wintergreen aka Holy Roller durchgehen könnte ;)), Eisenmann Rustbelt, Jonathan Hive, der Mann mit dem Wespenschwarm und Amazing Bubbles. Mehr davon im Buchtrailer und dem zugehörigen Making-Of.

Aus der Perspektive unterschiedlicher Charaktere, wird man als Leser durch den Showverlauf geführt. Es wird intrigiert und alles daran gesetzt, den Pöbel zu unterhalten. Der Produktionslaufbursche wird gemobbt, bekommt allerdings in der zweiten Hälfte des Buches seinen großen Auftritt. Dann wendet man sich nämlich den Ereignissen in Ägypten zu. Dort werden nach dem Tod des Kalifen die Minderheit der Joker verfolgt, die sich der alten Religion verschrieben haben, da es sich bei ihnen um Reinkarnationen ägyptischer Götter wie Osiris, Thot oder Horus handelt. Spätestens an dieser Stelle hat man mich als Leser ja für sich eingenommen, denn ägyptische Mythologie ist einfach toll und was man in Verbindung mit den Superhelden da crossovert kann man schon als cool bezeichnen.

Es schwingt allerdings nicht zuletzt ein ernster Ton mit, denn es geht um Themen die politisch aktuell sind. Fand bereits im „Show-Teil“ das Rassismusproblem Erwähnung, thematisiert man nun Konflikte zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen und die Rolle, die westliche Staaten dabei spielen. Ernsthaftigkeit, die man nach dem Lesen des äußeren Klappentextes an dieser Stelle nicht vermutet hätte. Da wirft man Lohengrin vor, sich als eine Art Kreuzritter zu verhalten (und wer mag diesen Vergleich verdenken, bei einem Deutschen, der eine leuchtende Rüstung und ein Schwert besitzt, das jedes Material durchtrennen kann? ;)). Das Einmischen amerikanischer Asse wird als Invasionsversuch interpretiert – auch dieser Denkansatz ist vollkommen nachvollziehbar, auch wenn die Sympathie des Lesers natürlich auf Seiten der Helden liegt. Und dann ist da noch ein Ass mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, das für alle Parteien gleichsam arbeitet, Fronten verhärtet und gegeneinander aufhetzt und dabei danach geht, welche Seite ihm de größten Vorteil bringt. Feinster Agententhriller-Stoff. Nicht nur in diesem Zusammenhang kommen die Fragen auf, die aus der Superhelden-Welt nicht wegzudenken ist: Wozu setzt du deine besonderen Fähigkeiten ein? Willst du ein Held sein, dich für andere einsetzen, die Welt ein bisschen besser machen, weil du es kannst, weil du dich verantwortlich fühlst? Oder geht’s dir um die größte Macht für dich selbst? Am Ende von „Das Spiel der Spiele“ kann der Leser dies für jeden Charakter beantworten. Und die Antwort ist nicht immer gleich. Ein weiterer Pluspunkt für mich, denn die Helden sind keine platten Alles-Könner, sondern Menschen, die trotz ihren Superkräften Schwächen besitzen. Die ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden haben, die noch auf der Sinnsuche sind, obwohl sie teilweise schon viel erreicht haben. Und dabei nicht alle zwangsläufig den „guten“ Weg einschlagen. Ihr seht also „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ ist mehr als ein Superhelden-Bash, bei dem ordentlich die Fetzen fliegen und mit der eigenen Großartigkeit geprahlt wird.

Natürlich gibt es einige Kritikpunkte, die jedoch weniger mit dem Inhalt zu tun haben. Ich persönlich sehe die Vermarktung ein wenig skeptisch, da man den Werbeeffekt um die Marke „George R. R. Martin“ fast schon verbrecherisch ausschöpft und damit provokativ auf die „Lied von Eis und Feuer“-Fans abzielt, obwohl die „Wild Cards“ auf eine ganze andere Zielgruppe ausgelegt sind. Nachvollziehbar, dass bei der starken Konkurrenz auf dem Buchmarkt mit allen Mitteln gefochten wird – wahrscheinlich nervt mich dabei auch nur, dass mancher sein Hirn ausschaltet und den Roman mit „Ein neuer Martin, muss ich haben, scheißegal worum’s geht!“ aus den Regalen reißt – und sich am Ende wundert, warum es ihm denn nicht so gefallen hat wie das „Lied von Eis und Feuer“. „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ hätte eigentlich genüg Potenzial, um ohne den Namen Martin auszukommen. Ein irreführender Klappentext wird sicherlich bei dem ein oder anderen Leser zusätzlich für Verdruss sorgen, da man sich nur auf einen Aspekt der Handlung bezieht. Nicht zuletzt, dass man sich die „Vorgeschichte“ des „Wild-Cards“-Verse nicht zu Gemüte führen kann, da derzeit nicht auf orthodoxem Wege erhältlich, hat einen fiesen Beigeschmack. Und das Cover – ich bin bestimmt die LETZTE, die sich über den bärtigen Quotenteutonen mit Bart, Schwert und leuchtender Rüstung beschwert, aber kann mir jemand den inhaltlichen Bezug erklären? Lohengrin ist weit davon entfernt der Protagonist zu sein. Ein Cover mit den Charakteren, aus deren Sicht erzählt wird, oder ein etwas allgemeineres Bild hätten mir besser gefallen.

Ein letzes will ich noch loswerden, da man zwangsläufig vergleichen wird und sich beim Lesen schon die Verbindung zu dem ein oder anderen Superhelden-Verse oder Fandom aufdrängt. Die Vielfalt der Heldenfähigkeiten erinnert an die X-Men, dort ist es eben die Evolution, die die Gene verändert, bei den Wild Cards ist es ein freigesetztes Virus. „America’s next Superhero“ nimmt sich nicht ohne Grund dem Casting-Show-Wahnsinn an – ebenso wie es schon John Niven in „Gott bewahre“ auf großartige Art und Weise tat. Dass das Messen von Kampf-Fähigkeiten in einer TV-Show präsentiert beim Leser funktioniert – das kennen wir doch aus Panem. Und Helden, die unterschiedlicher kaum sein könnten, schließen sich zu einem Team zusammen – The Avengers und Guardians of the Galaxy lassen grüßen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Führen wir uns nun also vor Augen, dass das Wild-Cards-Verse und auch „Wild Cards Inside Straight“ schon vor all dem existierte. Fakt ist ebenso, dass diese ganzen Themen derzeit überaus populär sind und vom Publikum gerne angenommen werden. Daher kommt „Wild Cards – Das Spiel der Spiele“ für den deutschen Markt genau zum richtigen Zeitpunkt – und wird einen Nerv treffen. Bei mir ist dies jedenfalls sehr gut gelungen.

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2 thoughts on “Diverse – Wild Cards: Das Spiel der Spiele”

  1. Hallo Christina,

    eine schöne und für mich hilfreiche Rezension.

    Wie so viele, bin auch ich ein großer Fan der „Game of Thrones“ Reihe und finde diese Neuerscheinung deswegen sehr interessant. Allerdings mag ich keine Superhelden-Geschichten.
    Dass „Wildcards“ eine Anthologie ist, wusste ich nicht und ich bin auch sehr erstaunt. Danke für den Hinweis.

    Dennoch bin ich jetzt neugierig und werde das Buch einfach mal auf meinen Wunschzettel packen. Aber es ist für mich kein absolutes Must-Have.

    Ganz liebe Grüße
    Lena 🙂

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    1. Hallo Lena,

      schön, dass du vorbeischaust, und danke für dein Lob.
      Dann war meine Schreiberei ja für was gut 😉

      Im Zweifelsfall sieht das Buch um Regal auch einfach gut aus. Ich finde die Aufmachung der „Martin“-Bücher von Blanvalet optisch sehr schick.

      Liebe Grüße (und hoffentliches Erkennen bei LB-Treffen in Frankfurt)

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