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[Rezension] George R. R. Martin – Traumlieder I

Darauf haben Millionen Game Of Thrones-Fans gewartet
Dass George R. R. Martin einer der erfolgreichsten Fantasy- Autoren aller Zeiten ist, steht außer Frage. Dass er noch viel mehr kann, beweist er in seinen beiden Erzählbänden Traumlieder, deren Vielseitigkeit Fantasy- und Science-Fiction-Fans jeder Generation begeistern wird: Das Porträt eines Mannes, der allmählich dem Wahnsinn verfällt, oder das unheimliche Schicksal eines Autors, dessen Selbstbezogenheit ihm zum Verhängnis wird, sind nur zwei der Geschichten dieser einzigartigen Storysammlungen. Ob Werwölfe, Magier, das ganz normale Grauen nebenan oder das Weltall: George R. R. Martin versteht es, seine Leser zu fesseln wie kein anderer. Die beiden Erzählbände vereinen erstmals die wichtigsten seiner vielfach ausgezeichneten Kurzgeschichten.

   Titel: Traumlieder I
   Originaltitel: Dream Songs
   Autoren/Hrsg.: George R. R. Martin
   Format/Seiten: Flexibler Einband / 544 Seiten
   Verlag: Heyne
   Erschienen: 13. Oktober 2014
   Preis: 15, 00 €

   Teil einer Reihe?   Traumlieder (Kurzgeschichtensammlung)

Wie auf dem Cover und im Klappentext deutlich wird, handelt es sich bei „Traumlieder I“ um eine in Deutschland dreibändige Kurzgeschichtensammlung des „Game of Thrones“-Schöpfers, die der englischen Originalausgabe „Dreamsongs“ folgt. Band II erschien im Februar 2015, Band III folgt im Sommer. Neben den Kurzgeschichten seiner frühen Schaffensphase ab Ende der Siebziger, erfährt der Leser in drei Kapiteln von Martin selbst, dass ihn Comics nicht nur während seiner Jugend sehr prägten („Ein Vierfarb-Fanboy“), sondern auch dass der Einstieg ins Autorengeschäft kein leichter war („Der Schmutzige Profi“) und seine Profession anfangs eher im Science-Fiction-Bereich lag („Das Licht der fernen Sterne“). Dies merkt man den Kurzgeschichten aus Traumlieder I auch eindeutig an, denn Fantasy-Elemente tauchen zwar vereinzelt auf, im Allgemeinen spielen die Geschichten jedoch auf fremden Planeten und im Weltraum selbst. Etwas, dass man aus dem Titel „Traumlieder“ und auch den Titeln der Kurzgeschichten selbst nicht unbedingt herauslesen kann. Hinzu kommt, dass man die Traumlieder-Reihe natürlich mit dem Marketing-Stempel von „Game of Thrones“ versieht und damit ganz klar auf die Fans von „Das Lied von Eis und Feuer“ abzielt. Genau diese Fans werden aber vermutlich bei diesem Band enttäuscht sein, da es eben kaum Phantastisches gibt und auch kaum etwas, dass die Kurzgeschichten mit der Fantasy-Reihe gemein haben.

Man muss „Traumlieder I“ als das betrachten, was es ist: Eine Retrospektive über die literarischen Anfänge eines Autors, der nun in aller Munde ist, sich aber nicht auf eine Genre und schon gar nicht auf ein einziges Werk, nämlich „Das Lied von Eis und Feuer“, festlegen lässt. Da fällt es schwer eine Bewertung abzugeben, denn diese hängt stark von den Erwartungen ab, die man an das Buch hat. Meine persönlichen lagen etwas anders, als es der Inhalt letztlich für mich bereit hielt. Ich will nicht so weit gehen, dass ich enttäuscht wurde, aber man muss auch klar sagen, dass man sich bei dem Bewerben des Buches ein sehr eindeutiges Bild zeichnet, das dem Inhalt nicht entspricht. Es fallen die Stichworte wie „amerikanischer Tolkien“ und „Alle Game-of-Thrones-Fans werden Traumlieder lieben“. Ein Meister seines Faches ist Martin ohne Zweifel, auch wenn ich den Tolkien-Vergleich nicht nur bei ihm für verschwenderisch ge- und verbraucht halte. Dass die Fans, seien es nun jene der Serie oder jene der Romane, zwangsläufig auch Gefallen an zumindest dieser ersten Auswahl von Kurzgeschichten finden, zweifle ich doch sehr stark an, da das vorherrschende Genre einfach ein anderes ist. Ich möchte jedoch auch nicht soweit gehen und behaupten „Das wird bestimmt gar keinem der Fans gefallen!“, schließlich sind die Geschichten ja immerhin noch vom gleichen Autor geschrieben, der in seinen Kurzgeschichten die ganze Bandbreite seines Könnens beweist. Und trotz allem, an der ein oder anderen Stelle wird man auch auf Altbekanntes treffen, so viel sei verraten.

Ich habe mich dazu entschlossen, zu jeder Kurzgeschichte ein paar Worte zu schreiben, die meiner Meinung nach die behandelten Themen und den Inhalt widerspiegeln und somit eher die Möglichkeit geben, sich ein differenziertes Bild zu verschaffen. Und selbst wenn man sich von „Traumlieder I“ nicht angesprochen fühlt, muss das nicht gleiche die ganze Reihe in Frage stellen. Die Kurzgeschichten-Auswahl für „Traumlieder II“ kann ich bis dato noch nicht beurteilen, Martin lässt jedoch in Band I durchblicken, dass er sich später noch ausgiebiger zu Fantasy und Tolkien äußern wird. Ich gehe also davon aus, dass uns in den anderen Bänden von „Traumlieder“ weniger Fantastik und mehr Fantasy zu lesen bekommen.

Es beginnt mit einem Vorwort, dass aus einer furchtbaren Lobhudelei eines Kollegen und Freundes besteht: Gardner Dozois – slap me in the face, never heard of him. Die Google-Recherche ergab jedoch, dass er 20 Jahre lang Chefradakteur eines renommierten SciFi-Magazines war, mehrfacher Hugo-, Locus- und Nebula-Gewinner ist und als Herausgeber und Autor sehr eng mit Martin zusammengearbeitet hat. Seine Ausführungen kann man sich meiner Meinung nach aber getrost sparen – wie gesagt, Lobhudelei.

Weiter geht’s mit dem ersten Hintergrundkapitel „Ein Vierfarb-Fanboy“ – alle drei Kapitel erkennt man gut daran, dass sie in anderen Schrift gedruckt sind, als die Kurzgeschichten. Nette Spielerei. Besagtes Kapitel beschäftigt sich ausgiebig mit Martins Comic-Leidenschaft, nice to read, aber auch kein Muss. Ich persönlich habe erst einmal die drei Kapitel über Martin selbst hintereinander gelesen und bin dann zu den Kurzgeschichten selbst übergegangen. Die Hintergrund-Kapitel sollen wohl auch dazu dienen, die Kurzgeschichten besser in die eweilige Schaffensphase Martins einzuordnen und einen Überblick darüber zu verschaffen, was wann welchen Preis gewonnen hat. Hat bei mir nicht funktioniert, irgendwie wollte ich beim Lesen auch nicht zu viel nachdenken müssen. Ich hätte es besser gefunden, wenn unter dem Titel jeder Kurzgeschichte die Jahreszahl der Veröffentlichung und eventuell dazu gewonnene Preise abgedruckt gewesen wären. So muss man nun immer herumblättern und suchen, dann kann man auch direkt googlen.

Nur Kinder fürchten sich im Dunkeln

Ein Dämon wird zum Leben erweckt und ein Widersacher stellt sich im entgegen. Mit beteiligt: Ein Mensch, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Stimmung gefiel mir hier gut, jedoch fiel es mir nicht ganz so leicht dem Inhalt der Kurzgeschichte zu folgen und ich kann letztlich auch nicht genau sagen, was jetzt die Quintessenz war.

Die Festung

Beschrieben wird die Situation auf einer Insel, die sich um ca. 1800 in einem Krieg zwischen den Fronten von Schweden, Finnland und Russland sieht. Sehr militärisch, es geht um Ehre, Pflicht und Diensterfüllung. Damit konnte ich leider gar nichts anfangen und war mir bis zur Erwähnung der Jahreszahl nicht sicher, ob dies nun eine fiktive oder historische Situation war und wann sie sich zeitlich abspielt. Pistolen waren schon erfunden, aber das konnte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert auch alles sein.

Tod war sein Vermächtnis

Ein Mann, selbst Autor, grübelt über sein persönliches Vermächtnis an die Welt und geht auf die Jagd nach religiösen Fanatisten. Stellt die Frage aller Sinnfragen, die Antwort, die der Protagonist findet, kann man unterschiedlich bewerten xD Zeigt ein nicht übliches Bild auf den Religionswahn, den man als Europäer aus den USA zu kennen glaubt.

Der Held

Ein Veteran aus einem jahrelangen intergalaktischen Krieg möchte endlich in den Ruhestand auf der Erde eintreten, hat die Rechnung jedoch ohne die Skrupellosigkeit seiner Vorgesetzten gemacht. Das Ende war für mich ein wenig zu vorhersehbar, die Grundstimmung hat mir aber gefallen – und mich ein wenig an „Ender’s Game“ erinnert.

Die Ausfahrt nach San Breta

In der Nacht hat ein Autofahrer eine unheimliche Begegnung auf einem entlegenen Highway. Die einzige Horrorstory aus „Traumlieder“. Auch hier zwar sehr vorhersehbar, aber so eine leichte Gänsehaut wollte sich trotzdem einstellen. Heutzutage vielleicht keine innovative Idee mehr, aber das konnte damals (1982) Stephen King in einem Umfang von ca. 20 Seiten auch nicht besser.

Die zweite Stufe der Einsamkeit

Am Rande des Universums bewacht ein einsamer Astronaut ein Weltraumportal und wartet auf seine Ablösung. In Tagebuchform mit Datumseinträgen geschrieben, gibt Martin einen tiefen Einblick in eine einsame Seele. Nicht nur die Überraschung am Ende macht diese Kurzgeschichte zu einem echten Highlight!

Am Morgen fällt der Nebel

Das Erschließen eines neuen Planeten, Geister im Nebel, ein Kriegsreporter trifft auf einen Wissenschaftler. Philosophisch angehaucht, aber hat nicht viel Eindruck hinterlassen.

Abschied von Lya

Es geht um die Beziehung zwischen zwei Telepathen. Mit über 100 Seiten gleichzeitig die längste Kurzgeschichte der Sammlung. Meiner Meinung nach zu Recht mit dem Hugo-Award ausgezeichnet.

Der Turm aus Asche

Drei Jäger treffen sich auf einem fremden Planeten an einem Turm und geraten im Wald in einen Spinnenangriff. „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ und „Der Hobbit“ lassen grüßen. Viel mehr ist mir leider nicht in Erinnerung geblieben.

Das bleiche Kind mit dem Schwert

In einem fernen Sternensystem besteht ein Glaubenskonflikt zwischen mehreren Parteien. Jene, die das bleiche Kind mit dem Schwert verehren, vertreiben die friedfertigen Wesen, die ihren Göttern in Pyramiden huldigen. Der Protagonist zweifelt die Sinnhaftigkeit an und wechselt die Seiten. Vertreibung aufgrund von Ressourcen und Andersartigkeit unter dem Banner der Religion – kommt uns aus der Realität verdammt vertraut vor oder? Wenn auch ein wenig verworren, gefiel mir die Geschichte gut.

Die Steinstadt

In einem Umschlagshafen auf einem verlassenen Planeten versucht der Protogonist zum Herzen des Universums vorzudringen – und geht in der Zeit verloren. Atmosphärisch ganz gut, Martins Fähigkeit, vielfältigste Kulturen und Wesenheiten zu erschaffen – etwas, das ohne Frage einen großen Reiz bei „Das Lied von Eis und Feuer“ ausmacht – tritt deutlich zu Tage, aber auch hier wusste ich am Ende nicht hundertprozentig, was Martin mir mit dieser Kurzgeschichte sagen wollte.

Bitterblumen

Auf der Flucht vor Vampiren gerät eine junge Frau in die Fänge einer Hexe. Mystisch angehaucht werden hier traditionelle Fantasy-Elemente (Magie und Blumensymbolik, Namen wie Morgan la Fey und Avalon) verwendet. Gleichzeitig wird mit anderen Namen auf bereits bekannte Orte aus anderen Kurzgeschichten von Martin genommen (Ymir als Menschenwelt oder Hrangar als Bezeichnung eines Volksstammes). Kommt der Idee von Fantasy von allen Kurzgeschichten aus „Traumlieder I“ am nächsten und hat mir gut gefallen.

Der Weg von Kreuz und Drachen

Die intergalaktische Inquisition macht Jagd auf die Häretiker im Universum, unter anderem auf einen Orden, der Judas Ischariot als Drachenreiter und Heiligen verehrt. Diese Kurzgeschichte ist zwar pure Blasphemie, aber trotzdem brillant xD Zusätzlich gibt’s noch eine knappe Abhandlung über Wahrheit und Lüge a la „Glauben Sie mir, ich bin Lügner“. Hat mir ausgesprochen gut gefallen.

FAZIT

Dass ich mir inhaltlich etwas anderes erhofft habe, ist denke ich deutlich genug geworden. Verteufeln möchte ich die „Traumlieder“ generell jedoch nicht, denn es gab auch für mich in Band I tolle Lesemomente, denn Martin weiß was er tut und das tut er gut. Man sollte sich vor dem Kauf (zumindest von Band I) jedoch über die behandelten Themen im Klaren sein und ob man sich dafür begeistern kann. Man wird bei solchen Sammlungen auch immer Kurzgeschichten finden, die gefallen, und andere, die wiederum nicht gefallen. Und das Schöne an solchen Sammlungen ist schließlich auch, dass man beim Lesen keine Reihenfolge einhalten muss, da die Geschichten autonom sind.

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