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[Rezension] Patrick Rothfuss – Die Furcht des Weisen (Teil 1)

Drei Dinge gibt es, die jeder Weise fürchtet: den Sturm auf hoher See, eine mondlose Nacht und den Zorn eines sanftmütigen Mannes.
Verfolgen Sie die Abenteuer von Kvothe, wie er zum größten Magier seiner Zeit wurde.Eine Intrige zwingt Kvothe die arkanische Universität zu verlassen. Seine Suche nach den sagenumwobenen Chandrian, die seine Eltern getötet haben, führt ihn an den Hof von Maer Alveron, und weiter zu den sturmumwogten Hügeln von Ademre. Schließlich gelangt er in das zwielichtige Reich der Fae, wo er der sagenumwobenen Felurian begegnet, der bisher noch kein Mann widerstehen konnte…
Eine Geschichte voller Poesie und Musik, voller Leidenschaft, aber auch voller Intrigen, dunkler Geheimnisse und Magie.

 

   Titel: Die Furcht des Weisen – Teil 1
   Originaltitel: The Wise Man’s Fear
   Autoren/Hrsg.: Patrick Rothfuss
   Format/Seiten: Gebunden 859 Seiten
   Verlag: Klett Cotta
   Erschienen: 24. Oktober 2011

   Teil einer Reihe?   Königsmörder-Chroniken #2

 

Zu Beginn dieses Jahres hat meine liebe Mitbloggerin mich bereits mit der Geschichte um Kvothe angefixt. „Der Name des Windes“ war mir zwar bereits ein Begriff und ich bin auch schon (bis dato aber erfolglos) in diversen Buchhandlungen um den angepriesenen Fantasy-Roman herumgeschlichen, aber so wirklich habe ich mich nicht zum Kauf durchringen können – nicht zuletzt wegen dem Warten auf den nächsten teil, mit dem sich der Autor ja bekanntlich große Zeit lässt. Als ich dann bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse Patrick Rothfuss getroffen habe und gemeinsam mit unseren Freunden von der Fantasy-Werkstatt unerwartet ein richtig ausführliches, lustiges und total tolles Gespräch über die Aussprache des Nachnamens, die ungewöhnlichsten Dinge, die er je unterschrieben hat, und die deutsche Sprache führen durfte, war es natürlich um mich geschehen. Seither besitzt eine signierte Ausgabe von „Der Name des Windes“ einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal und wurde natürlich umgehend verschlungen (natürlich nur lesend ;)).

Während meine Mitbloggerin bei der Fortsetzung nach dem Prinzip verfährt „Ich lese immer ein bisschen und bin in dem Tempo dann genau zu dem Zeitpunkt fertig, wenn Teil 3 erscheint“, hat es mich nicht ganz so lange auf den literarischen Stühlen gehalten. Ich musste unbedingt wissen, wie es mit Kvothe weiter geht, warum er die Universität verlassen muss und welche Abenteuer er abseits des studentischen Seins so erlebt. Vorneweg sei gesagt…meine Lesefreude erhielt schon bald einen gewaltigen Dämpfer, aber dazu später mehr.

Innerhalb der „Königsmörder-Chroniken“ erzählt der alternde Protagonist Kvothe drei Tage lang einem Schreiberling seine Lebensgeschichte. „Der Name des Windes“ widmet sich Kvothes Kindheit, seinem Überlebenskampf nach dem Tod der Eltern und schließlich der Aufnahme und den ersten Schritten bei seiner Ausbildung in diversen magischen Künsten an der Arkanisten-Universität. „Die Furcht des Weisen“ knüpft unmittelbar an und beleuchtet Kvothes studentisches Leben – geprägt von der ständigen Gefahr des finanziellen Ruins und den Konflikten mit seinem Erzfeind Ambrose, vom Musizieren, Saufen und schwelgerischem Anschmachten seines On-Off-Love-Interests Denna – und widmet sich schließlich seiner Abenteuer nach dem erzwungenen Verlassen der Universität. Der Inhalt der englischen Ausgabe war derart umfangreich, dass man den Text bei der deutschen Übersetzung geteilt hat und in zwei Einzelausgaben herausgebracht hat. Nun mag es sauer aufstoßen, dass man nun zwei Bücher kaufen muss, zumal die Preise sich durchaus im oberen Segment bewegen, und immer die Vermutung naheliegt, dass man sich mit solchen Entscheidungen einfach nur bereichern möchte. Dem muss man im Fall von „Die Furcht des Weisen“ jedoch widersprechen. Zum einen stößt man von der handwerklichen Umsetzung allein irgendwann an die Grenzen des Machbaren (wir reden hier von knapp 1.400 Seiten!), zum anderen ist die Aufteilung auch inhaltlich ein gutes Mittel der Wahl. Da sich Teil 1 des zweiten Bandes zu 2/3 zieht wie Kaugummi hätte es mancher vielleicht nicht bis zum Ende durchgehalten, wenn der inhaltiche Cut nicht gekommen wäre. Dessen Sinn sich auch nicht unbedingt am Ende dieses Romans, aber spätestens beim Lesen von Teil 2 des zweiten Tages erschließt.

An dieser Stelle der Hinweis, dass ich vermutlich sehr stark spoilern und das auch nicht weiter kennzeichnen werde. Wer also partout nicht wissen will, wohin es inhaltlich geht, sollte an dieser Stelle nicht weiterlesen 😉

Furcht Pic
„You shall not pass!“ Dies ist eine SPOILER-Grenze!

Widmen wir uns erst einmal dem „zähen“ Teil von „Die Furcht des Weisen“. Nachdem Kvothe in „Der Name des Windes“ gegen Ende den Chandrian und auch Denna recht nahe gekommen ist, kehrt er an die Universität zurück. Und dort bleibt er auch erst einmal für über die Hälfte des ersten Teils von Tag 2 und es geht munter nach dem gleichen Schema wie bei Tag 1 weiter. Kvothe zankt sich mit Ambrose, Kvothe hat kein Geld, Kvothe säuft und musiziert, Kvothe schmachtet Denna an, die wie immer urplötzlich spurlos verschwindet, Kvothe zankt sich mit der Kreditleiherin Devi, Kvothe bastelt seitenlang an arkanischem Spielzeug, und Elodin, ja ist einfach Elodin. Die Handlung tritt vollkommen auf der Stelle, denn obwohl es zahlreiche Szenen mit hohem Unterhaltungswert gibt, hat man doch das Gefühl, dass nicht ganz klar ist, wohin die Reise im Großen und Ganzen denn gehen soll. Die meisten Highlights kann – kaum überraschend – Elodin auf sich vereinen. Der verschrobene „Magier“ bietet endlich eine Vorlesung an – und bringt seine Studenten, allen voran Kvothe, an die Grenzen ihrer Geduld (herrlich dazu auch Kvothes Erkenntnis zum Warum in Teil 2 des zweiten Buches!). Eines Tages bricht Elodin mit Kvothes Hilfe in die Gemächer von Hemme ein un verbrennt dessen Kleider. Auch Meditieren (natürlich nackt) auf den Dach im Schneesturm steht auf dem Programm. Dem Leser wird die komplette Palette des Unsinns präsentiert, von der man vermutet, dass ein Student sie während seiner Lehrzeit nun einmal durchlebt. So wie ich Herrn Rothfuss als Menschen persönlich und auch durch Interviews und Lesungen kennen gelernt habe, kann man sich auch wunderbar vorstellen, dass da wohl nicht alles Fiktion ist, sondern tatsächliche Erlebnisse geschickt in die Handlung eingewoben wurden. Eines der klaren Charakteristika der Königsmörder-Chroniken, dies dürfte spätesten nach „Die Furcht des Weisen“ klar sein: Einzelne Episoden, für sich genommen großartig, werden aneinander gereiht, bringen die Handlung aber nicht unbedingt weiter, sondern werden nur des Erzählens willens erzählt. Und der Autor gab dies nicht zuletzt auch bei Interviews zu „Die Musik der Stille“ (ich nenns mal grob Kurzgeschichte um Kvothes Freundin Auri): Wenn über mehrere Seiten von der Herstellung berichtet wird, mag das zwar interessant sein, aber es erfüllt keinen Zweck. Rothfuss hatte einfach Lust darüber zu schreiben. Mit dieser Stategie muss man sich als Leser notgedrungen anfreunden. Ich zumindest hatte damit in „Die Furcht des Weisen“ so meine Probleme.

Verschlimmert wird das ganze noch durch eine weitere Eigenheit des Autors. Es gibt mindestens zwei Stellen, an denen inhaltlich so viel Potenzial bestanden hätte, dass der Autor aber ABSICHTLICH nicht ausschöpft. Zum einen gibt es ein Gerichtsverfahren gegen Kvothe, bei dem es um die Anwendung unerlaubter Magie geht und die durchaus auf dem Scheiterhaufen hätte enden können – eigentlich ja schon absurd für eine Gesellschaft in der das Zaubern so akzeptiert ist. Diese Gerichtsverhandlung ist auch eine der berühmtesten Geschichten, die sich um Kvothe ranken und die fast jeder im ganzen Fantasy-Reich kennt. Kvothe weigert sich jedoch, dem Chronisten in allen Einzelheiten davon zu berichten, da die Geschichte ja eh schon jeder kennt. Und damit ist das Thema erledigt, was innerhalb der Geschichte ja auch relativ viel Sinn macht, dem eigentlichen Leser (ja genau, dem Menschen in der Realität, der leider nicht weiß, was man sich auf Imres Straßen so alles über Kvothe erzählt ;)) ziemlich gemein ist. Ein interessanter literarischer Kniff, der auch wieder voll und ganz zu Rothfuss, seiner Art und seinem „kvothoesken“ sprich schelmischem Wesen passt und seine Genialität als Autor mehr als beweist, aber trotzdem ein riesengroßer Mittelfinger für den geneigten Leser *lach* Ein weiteres Besipiel: Als sich Kvothe schließlich auf den Weg ins Ungewisse macht, um einem Fürsten in einer delikaten Angelegenheit zu Diensten zu sein, wird die tatsächliche Reise dahin nicht im Detail beschrieben, sondern mit wenigen Sätzen abgearbeitet, obwohl sie so spannend und actionsreich hätte sein können: Kvothes Schiff wird von Piraten überfallen, gerät auch noch in einen Sturm und sinkt. Kvothe verliert sämtliches Hab und Gut! Na wenn das nicht mal wert gewesen wäre, erzählt zu werden! Halten wir also fest, man hat es als Leser von Rothfuss nicht nur schwer, weil man ewig auf den neuen (letzten?) Roman warten muss, sondern auch weil man den (literarischen) Launen des Autors vollkommen ausgeliefert ist. Das muss man mögen. Und ich glaube, ich würde das ganze nicht so milde sehen, wenn ich den Autor nicht persönlich kennen gelernt hätte und dadurch wüsste, dass das Ganze keine Überheblichkeit a la „Ist mir egal was DU als Leser denkst, ich mach, was ICH will“ ist, sondern ein verschmitztes Augenzwinkern a la „Ich mach keinen Mainstream, sondern was unkonventionelles, und genau das willst du doch auch lesen“.

Nachdem ich mich also von diesem Wechselbad der Gefühle einigermaßen erholt hatte, kam auch endlich Bewegung in die Handlung. Kvothe macht uns den Gandalf und deckt auf, dass der Fürst dem er dienen soll, seit Jahren von seinem Arzt vergiftet und krank gemacht wird. Ja, die Parallele zu „Die zwei Türme“ Rohan, Grima und Theoden ist schon auffällig, macht aber irgendwie trotzdem Spaß. Der Hof des Maers als neues Setting ist großartig und man ist als Leser froh, dass Kvothe endlich einmal ein wenig vom Glück geküsst scheint. Einerseits freute mich das, andererseits habe ich dermaßen erwartet, dass wir hier den Grund finden, warum die Reihe mit Königs-MÖRDER-Chroniken tituliert ist, dass ich mich als Leser schon wieder ein bisschen verschaukelrt gefühlt habe. Die Erzählgeschwindigkeit bekommt zwar erneut einen kleinen Dämpfer als die kleine Truppe unter Kvothes Führung Banditen jagen soll und dabei über Seiten erst einmal das Spuren lesen beigebracht bekommt, in Relation zu dem vorherigen Geschwurbel des Romans hält sich das Ausmaß jedoch in Grenzen. Teil 1 des zweiten Tages endet mit einem großen Kampf, der Begegnung mit einem alten Bekannten und fügt nicht nur den sagenhaften Geschichten um Kvothe eine weitere Sensation hinzu, sondern lässt Kvothes Ego auch kurzerhand dazu anschwillen, dass er sich für Taborlin den Großen hält.

Mein Fazit

Tja, durchaus gemischt. Ich habe vergnügliche Stunden gehabt und mehr als einmal herzlich gelacht (weit mehr!). Aber ich habe mich auch mehr als einmal gefragt: Was soll das Ganze eigentlich? Unstrittig ist das hohe sprachliche Niveau, die spitzfindigen Wortspielereien oder dass Rothfuss ein unfassbar intelligenter und liebenswerter Zeitgenosse ist und nicht nur literarisch gesehen ein Genie! Aber eben eines, das es dem Leser nicht leicht macht. Damit kann nicht jeder umgehen und das wird auch nicht jeder mögen. Andererseits ist es unkonventionell und abseits jeder Erwartung. Und ist es nicht genau das, was wir uns von guter Lektüre erhoffen? Ist es nicht genau das, was der gesättigte Markt braucht?

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