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[Rezension] David Lagercrantz – Verschwörung

Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist haben Millionen Leser begeistert. Weltweit erstürmte die Millennium-Trilogie die Bestsellerlisten und sprengte mit mehr als 80 Millionen verkauften Exemplaren alle Dimensionen. Ein Welterfolg, der seinesgleichen sucht. Nun geht die Geschichte weiter.

   Titel: Verschwörung
   Originaltitel: Det som inte dödar oss
   Autoren/Hrsg.: David Lagercrantz
   Format/Seiten: Geb. mit Schutzumschlag | 608 S.
   Verlag: Heyne
   Erschienen: 27. August 2015

   Teil einer Reihe?   Stieg Larssons Millenium

 

Im August war es endlich so weit, das Bücherjahr 2015 hatte seinen – zumindest von mir bewusst wahrgenommenen – ersten richtigen Knüller. Die Veröffentlichung eines neuen Millenium-Romans – aus fremder Feder. Heiße Diskussionen dazu gab es schon ab Bekanntwerden der Pläne und Jahre zuvor war es zwischen Larssons Witwe und Larssons Vater und Bruder bereits zum Erbenstreit über das „Vermächtnis des Autoren“ gekommen. Auch das Lager der Fans zeigte sich gespalten. Wo der eine sich auf ein Wiedersehen mit altbekannten Charakteren freute, sah der andere „Grabplünderung“. Erfolgsautor Jussi Adler-Olsen ließ sich gar zu einen Boykottaufruf hinreißen – auf der aktuellen Spiegel-Bestseller-Liste liegt er immerhin zwei Plätze vor Lagercrantz.

Ich hatte eigentlich nicht vor, dieses ganze drumherum in meine Bewertung des Romans mit einzubeziehen, habe aber schnell gemerkt, dass das sehr schwierig ist. Wenn man es im Nachinein betrachtet, kann man wohl nur zustimmen, dass man das Gesamtwerk „Millenium“ erst versteht, wenn man sich nicht nur inhaltlich mit den Romanen beschäftigt.

Als ich die Millenium-Trilogie zum ersten Mal las, hatte ich keine Ahnung von den Umständen, die mit ihr zusammenhingen. Dass der Autor bereits verstorben war und die Bücher posthum veröffentlicht wurden. Dass sich die Hinterbliebenen über unfertige Skripte und Laptops stritten. Dass Larsson politisch schrieb und seine Werke von seinem Engagement für die Frauenbewegung durchdrungen waren. Für mich waren es einfach drei Romane. Den ersten empfand ich als etwas langatmig und dennoch auf eine nicht so recht greifbare Art und Weise faszinierend. Die anderen beiden Romane haben keinen nennenswerten bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich empfand sie als regelrecht überflüssig und konnte die Begeisterung vieler nicht verstehen und wenn ich ehrlich bin, es hat sich nur bedingt etwas daran geändert. Ich habe aber inzwischen begriffen, dass die Faszination der Romane – und ich sage bewusst aller VIER Romane – sich nicht auf einen besonders außergewöhnlichen Schreibstil oder eine ereignisreiche Handlung mit überaschenden Wendungen stützt.

Die Faszination besteht aus den Charakteren, die Larsson geschaffen hat. Nicht umsonst hielt man sich im Vorfeld mit Informationen über den Inhalt zurück und stützte sich bei der Vermarktung voll und ganz auf die Zugpferde – die Namen Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist. Von ihnen leben „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ und eben auch „Verschwörung“. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass der Inhalt, die Handlung vollkommen nebensächlich ist. „Verschwörung“ wartet zwar mit einem aktuellen Thema auf – Überwachung, Kriminalität in der digitalisierten Welt – dies zielt jedoch wohl weniger auf eine brisante Aktualität ab, sondern gibt Lisbeth eher eine notwendige Bühne, auf der sie sich als Über-Charakter völlig austoben kann. Und genau das wollen wir doch auch. Ein mageres Gothic-Mädchen, dass sich durch die Sicherheitssysteme des Planeten hackt. Dabei bietet der Charakter so viel mehr, ist durch die Hintergrundgeschichte und ihr unkonventionelles Verhalten vielschichtig. Und auch Blomkvist folgt einen bekannten Verhaltensmuster, findet sich zu Beginn in einer ähnlichen Sackgasse wie bereits in „Verblendung“ wieder. Desillusioniert und ohne Ziel findet er im Verlauf des Romans jedoch wieder auf Betriebstemperatur zurück. „Besser als bei Lagercrantz waren Larssons Charaktere nie“ proklamierte der Spiegel. Ein hochgegriffenes Lob. Ich forumiliere es lieber so: Der Leser findet die Charaktere bei Lagercrantz genauso vor, wie Larsson sie gestrickt hat. Sie sind sie selbst geblieben. Authentisch. Sie besitzen alles, was man bisher an ihnen liebte. Da gibt es nichts, wovon man enttäuscht sein müsste oder was Anlass zur Kritik liefern könnte.

Aussagen wie „X Seiten Salander, der Rest langweiliger Krimi“ als Kritik am Text von Lagercrantz kann ich nur schwer nachvollziehen. Auch Larssons Romane kann man über weite Strecken als langweilige Krimis bezeichnen. Für mich ergibt sich von der inhaltlichen Finesse kein Unterschied zwischen Larsson und Lagercrantz. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich keinen Unterschied feststellen würde, wenn ich nicht wüsste, dass „Verschwörung“ nicht aus der Feder von Larsson stammt. Den Roman nach 50 Seiten abzubrechen, lässt für mich eher auf Trotz schließen und nicht auf die Qualität des Textes. Diese ist gut. Sie weicht nicht eklatant von Larrson ab, sie muss sich hinter ihm nicht verstecken. Aber ihr fehlt die Glorifizierung, die der Autor durch seinen Tod und sein politisches Engagement posthum erhalten hat.

An dieser Stelle muss jeder sich selbst fragen, was ihn für das gesamte Millenium-Szenario begeistert und genau von dieser Antwort wird abhängen, ob ihm auch „Verschwörung“ gefällt. Ich persönlich habe alles vorgefunden, was ich bereits vorher gut fand – und auch vieles, was ich vorher schlecht fand, was von einer gewissen Konsequenz zeugt, mit der Lagercrantz die großen Fußstapfen, in die er getreten ist, auszufüllen versucht.

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2 thoughts on “[Rezension] David Lagercrantz – Verschwörung”

  1. Hut ab vor deinem Text! Wirklich sehr gut formuliert und passend! Ich fand das Hörbuch einfach streckenweise sehr langatmig, kam aber auch nicht wirklich gut mit dem Sprecher zurecht! Und ja, auch ich gehöre trotzdem zu der „Ich hätte gerne mehr Lisbeth gehabt“ Fraktion! 🙂 LG

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    1. Du bist ne treue Seele, Verena. Danke für dein Lob 🙂

      Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, irgendwie einfach nur nichts zu sagen. Es war nicht ganz so leicht zu rezensieren, wie ich gedacht habe…
      Als Hörbuch hätte es für mich glaube ich nicht funktioniert – wie du sagst, streckenweise langatmig.

      Wir hätten doch alle gerne ein bisschen mehr Lisbeth. Sie ist für mich ja auch der einzige Grund, die Bücher überhaupt zu lesen. Mikael ist schickes Beiwerk.

      Grüße

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