Books, Rezension

[REZENSION] Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

„Friends, Romans, Countryman, lend me your ears!“
Julius Caesar von William Shakespeare

Die Wirkung von Instagram hat sich einmal wieder schön entfaltet, als ich über Mareikes (herzpotenzial) sommerliches Strandbild mit Buch („Shylock“ von Howard Jacobson) stolperte. Durch den tollen Austausch mit ihr bin ich auf das Shakespeare-Projekt von Hogarth Press aufmerksam geworden. Der britische Verlag versammelt dabei 8 Bestsellerautoren unter seinem Dach, die sich Neuerzählungen von Shakespaeres Werken gewidmet haben. Als deutscher Verlag beteiligt sich Knaus an diesem Projekt und wird bis 2018/19 alle 8 Romane auf Deutsch veröffentlichen.

Den Anfang machten pünktlich zum damaligen Welttag des Buches (gleichzeitig der Todestag des britischen Ausnahmeschreiberlings, der sich 2016 zum 400. Mal jährte) Howard Jacobsons „Shylock“, eine Interpretation von „Der Kaufmann von Venedig“, und Jeanette Winterson mit „Der weite Raum der Zeit“, in dem die Autorin „Das Wintermärchen“ neu erzählt. Inzwischen folgten mit „Die störrische Braut“ von Anne Tyler („Der Widerspenstigen Zähmung“, Herbst 2016), „Hexensaat“ von Margaret Atwood („Der Sturm“, Frühjahr 2017) und „Dunbar und seine Töchter“ von Edward St. Aubyn (König Lear, Herbst 2017) drei weitere Adaptionen. Im Frühjahr 2018 erscheint mit Tracy Chevaliers „Der Neue“ das Retelling von „Othello“, bevor die Reihe im Herbst bzw. nächsten Jahr mit den noch nicht auf Deutsch titulierten Versionen von „Macbeth“ und „Hamlet“ aus den Federn von Jo Nesbo bzw. Gillian Flynn fulminant abgeschlossen werden wird. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen. Besonders „Macbeth“ gehört zu meinen absoluten Favoriten  und die Messlatte liegt dementsprechend hoch.

Doch widmen wir uns zunächst einem der beiden Erstlinge aus der Hogarth-Reihe, da es sich bei der Vorlage zu „Der weite Raum der Zeit“ um eines der weniger bekannten Shakespeare-Stücke handelt. Warum es mich dennoch nicht minder begeisterte und auf jeden Fall eine Leseempfehlung wert ist, verrate ich euch in der folgenden Rezension.

Ich weise vorsorglich darauf hin, dass der folgende Text den gesamten Hinhalt des Romans beleuchtet. Da im Roman selbst aber direkt zu Beginn eine Zusammenfassung des Shakespeare-Stückes inclusive Ausgang des Finales auf euch wartet, sehe ich das Ganze nicht so eng. Selbst wenn ihr also zur Fraktion „Bewahre uns umalles auf der Welt auf jeden Fall vor Spoilern“ gehört, könnt ihr diesen Text trotzdem lesen, weil euch der Roman spätestens auf Seite 14 selbst spoilert ;)


Blinde Eifersucht und zerstörerischer Zorn – doch die Zeit heilt alle Wunden

Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.

Jeanette Winterson spielt souverän mit Figuren und Handlung aus Shakespeares „Das Wintermärchen“ und erzählt eine verblüffend moderne Geschichte über rasende Eifersucht, blinden Selbsthass und die tiefe Sehnsucht in uns, die Fehler der Vergangenheit wieder gut zu machen.

Jeanette Winteron - Der weite Raum der Zeit

Titel: Der weite Raum der Zeit
Autor: Jeanette Winterson
Originaltitel: The Gap of Time
Format/Seiten: Gebunden mit Schutzumschlag
Seiten: 288
Verlag: Albrecht Knaus Verlag
Erschienen: 11. April 2016
Preis: € 19,99 [D]
Teil einer Reihe? Hogarths Shakespeare

Bewertung: ✪ ✪ ✪ ✪ ✪

Es ist kein leeres Versprechen, das uns der Klappentext macht: Tatsächlich behandelt das „Wintermärchens“ universelle Themen des menschlichen Seins, die zu Shakespeares Zeiten aktuell waren, es heute noch sind und es auch in vielen Jahren noch sein werden. Schuld und Vergebung, die Suche nach der eigenen Identität und die Hoffnung, dass alles, was verloren geht, sich auch wiederfindet (vgl. S. 274). „Der weite Raum der Zeit“ transportiert diese universellen Motive in das London der Gegenwart und verwebt sie gekonnt in eine Handlung, die auch (welt)politische Probleme zum Inhalt macht. Wir begegnen dem impulsiven und ehrgeizigen Investmentbanker Leo, einem König „innerhalb eines Systems, in dem es ums Geldmachen ging“ (S. 33) und bei dem „alles, was er mit Geld anstellte […] leichtsinnig [war], aber wegen seiner leichtsinnigen Gewinne kam keiner darauf, ihn zu feuern“ (S. 32). An seiner Seite Sängerin MiMi, deren künstlerisches Schaffen stets von ihrer schwierigen Beziehung zu Leo geprägt ist und die als Mensch Erfüllung in ihrer Rolle als Mutter gefunden hätte („Wünschte nicht jede Mutter dem Kind, das sie erwartete, dass es wachsen, glücklich sein und erfahren durfte, was Liebe war?“, S. 81). Immobilienkrise, Kapitalismus, Occupy-Bewegung, Politik, Terrorismus – alles klingt in unterschiedlichem Maße an und fügt sich in die Handlung ein. Als ein Künstlerzentrum zu Gunsten von „zweckmäßigem, zeitgemäßem Wohnen“ (S. 221) (sprich dem Bau von Luxuswohnungen) abgerissen werden soll, finden sich Leo und seine verlorene Tochter Perdita auf verschiedenen Seiten wieder und am Ende doch zueinander. Beim Aufeinanderzugehen von Perdita und Xenos Sohn Zel spielen politische Ansichten eine wichtige Rolle („Aber keine Arbeit haben, kein Zuhause, keine medizinische Versorgung, keine Hoffnung, das ist für Millionen, Milliarden Menschen Alltag.  […] Wir müssen frei sein – frei von der Herrschaft der Unternehmen, die im Interesse einiger weniger die Welt regieren und sie für uns alle zugrunde richten“, S. 161). Indem sie ihren Charakteren solche Aussagen in den Mund legt, bezieht auch die Autorin indirekt Stellung und dies kann man ihr nicht hoch genug anrechnen.

Musik und Zeit sind zwei weitere große Leitmotive, die eine gute Überleitung zur stilistischen Finesse bieten, die Winterson mit ihrem Roman beweist. Als Intro für den Roman wird eine kurze Zusammenfassung des Shakespeare-Stücks platziert, die jedoch nicht im sachlichen Stil gehalten ist, sondern über Ort, Zeit und Geschichte informiert (eben im Stile eines Theaterstücks). Darauf folgt der Roman als „Die Cover-Version“ dieses Originals, womit Winterson ihr Retelleing vielleicht als eine Art Song verstanden wissen möchte. Da MiMi Sängerin ist und Musik auch im Leben ihrer Tochter Perdita eine wichtige Rolle einnimmt, auf jeden Fall eine tolle Idee, Handlung und stilistischen Aufbau des Romans miteinander in Beziehung zu setzen. Immer wieder werden auch fiktive Songtexte in den Romantext eingewoben und Musik bildet auch den Rahmen für das Ende des Romans. Das Motiv der Zeit zieht sich wie ein roter Faden durch den Text. Nicht nur Zeitsprünge bilden einen Pfeiler der Erzählweise, sondern auch Überlegungen der Charaktere zur Vergänglichkeit, zu verpassten Gelegenheiten und neuen Chancen. Am deutlichsten wird die Bedeutung der Zeit im Romantitel selbst. Dieser ist eine Anspielung auf den letzten Satz der Shakespeare-Vorlage („…answer to his part perform’d in this wide gap of time“), in dem Leontes seine Tochter auffordert, ihm alles zu berichten, was „in dem weiten Zeiten-Raum seit ihrer Trennung“ passiert ist.

Winterson bezieht sich aber auf noch vielfältigere Art und Weise auf ihre Vorlage. So erscheinen die Namen der Charaktere recht unzeitgemäß und irritieren auf den ersten Blick in Anbetracht des modernen Settings. Doch auch hier hat alles seinen Sinn: Leo als Abkürzung für Leontes, Xeno als Abwandlung von Polixenes, MiMis bürgerlicher Vorname lautet Hermione. Barpianist und Ziehvater von Leos Tochter Perdita heißt in Anspielung auf seine ursprüngliche Profession Shep vom englischen Shepard (Schafhirte). Perdita nennt sich in Gegenwart von Leo Miranda, wohl in Bezug auf eine Figur Shakespeares „Der Sturm“ in dem es ebenfalls um eine Vater-Tochter-Beziehung geht. Betrachtet man Schreibstil und stilistische Elemente, auch hier ist der Dichter allgegenwärtig: Auf Seite 111 wird ein Zitat aus dem Original-Stück eingewoben und auf Seite 87 heißt es augenzwinkernd nach einem expliziten Wutausbruch von Leo: „Eigentlich ein perfekter Satz […] alles eins und alles gesagt. Natürlich kein Shakespeare, aber absolut zweckmäßig“.

FAZIT

Es gibt „so viele Geschichten übers Verlieren und Wiederfinden“ (S. 129), „Der weite Raum der Zeit“ ist jedoch eine ganz besondere. Der Roman beweist nicht nur, dass Jeanette Winterson ihr Schreibhandwerk versteht, sondern schafft es, trotz Komplexität auf so vielen Ebenen, pures Lesevergnügen zu bereiten. Man liest den Roman mehrmals und entdeckt immer noch Neues und manchmal erlebt man ihn, diesen seltenen Moment, in dem man etwas aus einem Buchtext mitnimmt und dieses etwas noch lange bei einem bleibt.

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